Ohne Konventionen kann eine Gesellschaft nicht funktionieren. Wie eng aber darf dieses Korsett sein? Wie reagieren wir, wenn jemand aus dem üblichen Muster herausfällt? Fragen, die Sascha Löschner auf unterhaltsame Art in seiner Inszenierung von "Der Besuch" stellt.

Stendal. Ein Mensch zu werden, das ist keine schöne Erfahrung. Diese Erkenntnis widerfährt jedenfalls dem Engel, der in "Der Besuch" unfreiwillig auf die Erde niedergeht. Eine ernüchternde Erkenntnis, und letztlich begeht der Engel, dieses am Anfang so vollkommene Wesen, auch noch einen Mord. Erfüllt von Wut, Hass und Zorn – diesen allzu menschlichen Empfindungen.

Ein Ende, das sich der Autor der Vorlage anders gedacht hatte. Bei Herbert George Wells erfährt der Engel, dass Menschen nicht nur ihren niederen Instinkten folgen, sondern bereit sind, für etwas Höheres zu sterben. "Ich wollte es nicht so positiv enden lassen", sagt Sascha Löschner, "bei mir kommt nach dem Lachen der Knick."

Und doch: Das Lachen, das Groteske, das Schräge kommen in seiner Inszenierung, die er als Uraufführung in Stendal auf die Bühne bringt, nicht zu kurz. Löschner hat seinem Stück einen gesellschaftsanalytischen Roman Wells‘ zugrundegelegt, der die Unzulänglichkeiten einer in Konventionen verhafteten Gesellschaft amüsant vor Augen führt – wohlgemerkt im viktorianischen England des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in einer Zeit, da der Mensch körperlich und geistig in starre Formen gepresst wird.

"Da kommt plötzlich einer, der Tacheles redet, der diese ganzen Beschränkungen nicht hat", beschreibt Regisseur Löschner. "Er kann sich erlauben, sich zu wundern und alles mit einem unverstellten Blick zu betrachten."

Diese Perspektive soll auch der Zuschauer einnehmen. Er schaut – durch die Augen des Engels – auf diese im wahrsten Sinne schräge, vom Menschen geschaffene Welt. Das Bühnenbild soll diese befremdende Wahrnehmung widerspiegeln. "Wir bauen eine Welt, die eigenartig ist, die Hauptfiguren sind sehr verfremdet." Es fällt schwer, die herrschenden Codes zu entschlüsseln – so erfährt es jeder, der irgendwo fremd ist. Auch diese Allegorie erlaubt sich Löschner. Anscheinend will er, dass der Zuschauer hin- und hergeworfen wird, in seinen Emotionen, seinen Klischees und festgefügten Ansichten. Er soll ins Wanken geraten. Muss aber nicht.

"Natürlich entsteht Kunst aus einem Defizit heraus", gibt Sascha Löschner ein Zitat Heiner Müllers wieder. Aber dem Publikum sei es freigestellt, Schlüsse zu ziehen oder sich einfach nur unterhalten zu fühlen. Aber wenigstens eröffnet "Der Besuch" die Möglichkeit, die eigene Verstrickung in einen großen "Verblendungszusammenhang", so Löschner, zu erkennen. Der Ornithologie-begeisterte Vikar, der den Engel ironischerweise vom Himmel schoss und bei sich aufnahm, jedenfalls erkennt: Ich habe ein falsches Leben gelebt. Er zieht die Konsequenz und geht. Wohin, das bleibt offen. In den Augen von Sascha Löschner aber ist er "ein Hoffnungsmoment".

Hoffnung hat Löschner auch für die moderne Gesellschaft. "Es wird Generationen brauchen, aber ich glaube daran, dass sich die Idee auf lange Sicht durchsetzt, dass man gerecht sein muss gegen jeden. Ich denke, diese Idee ist wie ein Virus, der irgendwann jeden befällt. Aber ein gutes Virus eben."

Herbert George Wells (1866-1946) wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen in England auf. Er begann eine Tuchhändlerlehre, musste sie aber beenden, da er zu verträumt war. Er bildete sich autodidaktisch weiter, schloss ein naturwissenschaftliches Studium mit Prädikatsexamen ab. Er arbeitete als Buchhalter, Dozent und Journalist, später als freier Schriftsteller. Bereits sein erster Roman "Die Zeitmaschine"wurde ein großer Erfolg. H.G. Wells, wie er sich nannte, gilt als Urvater der Science-Fiction-Literatur. Sein wohl bekanntestes Werk, "Krieg der Welten", erlangte durch die Hörspielfassung von Orson Welles Berühmtheit.

Die Uraufführung von "Der Besuch" (im Original "The Wonderful Visit") in der Regie von Sascha Löschner ist am Sonnabend, 2. April, um 19.30 Uhr im Theater der Altmark zu sehen.

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