Das Sommersemester 2011 beginnt kalendarisch heute; mit dem regulären Start am kommenden Montag. Volksstimme-Redakteur Frank Eckert unterhielt sich mit dem Prorektor der Fachhochschule Magdeburg-Stendal, Professor Wolfgang Patzig, über das neue Leben am neuen Campus in Stendal.

Volksstimme: Herr Professor Patzig, mit dem Wintersemester haben sich über 2000 Studierende bei Ihnen eingetragen. Wohin geht das Wachstum denn noch?

Prof. Wolfgang Patzig: Wir wollen, bei allen schönen Zahlen, die mit so vielen Studierenden verbunden sind, nicht übers Ziel hinausschießen. Es geht uns vor allem auch darum, dass wir die Qualität halten, die wir uns über die Jahre erarbeitet haben. Natürlich sind wir weiter an guten Leuten interessiert. Im Sommersemester werden wir 150 Studierende in die berufsbegleitenden Studiengänge "Betriebswirtschaftslehre" und "Bildung, Erziehung und Betreuung im Kindesalter/Leitung von Kindertagesstätten (Kita)" immatrikulieren.

Volksstimme: Trotz der demografischen Entwicklung in Ostdeutschland scheint der Trend eindeutig zu höheren Studierendenzahlen zu gehen.

Prof. Patzig: Richtig. Wir haben in Sachsen-Anhalt noch nie mehr Studierende gehabt und werden schon allein durch den doppelten Abitur-Jahrgang in Niedersachsen mehr Bewerbungen erhalten. Ebenso hat die Abschaffung oder Aussetzung der Wehrpflicht natürlich Einfluss auf die Bewerberzahlen, auch bei uns. Wir sind darauf vorbereitet.

Volksstimme: Dennoch, so richtig klagen können Sie kaum, im Gegenteil.

Prof. Patzig: Aber ja: Es macht schon Spaß auf dem Campus hier. Es wird der erste Sommer bei uns, den wir auf dem Campus mit allen sanierten Gebäuden verbringen werden. Die Mensa mit der großen Terrasse wird im Sommer sicher der zentrale Anziehungspunkt für alle sein. Auf dem gesamten Campus gibt es ein W-Lan-Netz, so dass man mit dem Laptop auch gut draußen arbeiten kann. Zusätzlich nehmen wir zu Semesterbeginn das Haus 1 mit der Bibliothek, der Testothek und weiteren Lehrräumen in Betrieb.

Volksstimme:Und Sie bekommen auch noch einen eigenen Bahnhof?

Prof. Patzig: Das ist ein großer Schritt dahin gehend, dass sich die Erreichbarkeit des Standorts nochmals verbessert, sowohl für die Studierenden als auch für die Mitarbeiter. Gleichzeitig werden die beiden Standorte der Hochschule weiter zusammenrücken.

Volksstimme:Stichwort Standorte. Da haben Sie in Stendal ja noch einige über den neuen Campus hinaus. Welche werden Sie behalten, welche nicht?

Prof. Patzig: Den Standort in der Winckelmannstraße werden wir an die Stadt zurückgeben. Jenen in der Breiten Straße brauchen wir weiterhin, insbesondere wegen der Vorlesungsräume.

Volksstimme: Wird es zum neuen Semester auch neue Fachrichtungen, neue Fächer geben?

Prof. Patzig: Wir planen ein "Kompetenzzentrum für Frühe Bildung". Zum berufsbegleitenden Studiengang käme dann noch ein Vollzeitstudiengang hinzu. Da sind wir aber – wie gesagt – noch in der Planung und hoffen auf Unterstützung durch die neue Landesregierung. Darüber hinaus wollen wir die Forschung zur Frühen Bildung ausbauen und auch Beratung hierzu anbieten. Hiermit sollen die Startchancen der nächsten Generation verbessert werden, insofern die Anforderungen an die Qualifikation jedes einzelnen immer höher werden. Außerdem ist aufgrund der demografischen Entwicklung schon heute ein Mangel an qualifizierten jungen Leuten absehbar. Daher muss man möglichst früh mit Konzepten zur Bildung und Erziehung im Kindesalter gegensteuern.

Volksstimme: Was kann denn so eine dem demografischen Wandel unterliegende Region einer Fachhochschule geben?

Prof. Patzig: Wir haben jegliche Unterstützung, die wir uns wünschen können; von hiesigen Unternehmen, von der Stadt Stendal, vom Landkreis bis hin auch zur westlichen Altmark. Insbesondere dem Förderkreis des Standorts Stendal e.V., der uns immer tatkräftig zur Seite steht, haben wir viel zu verdanken. Als Beispiele seien die Spendenaktion für Haus 3 genannt sowie die vom Förderkreis betriebene Fotovoltaikanlage, die auf unserem sanierten Haus 1 entstanden ist. Deren Einnahmen werden uns für Projekte zufließen. Gerade die regionale Unterstützung beflügelt die Arbeit am Standort.

Volksstimme:Welche Rolle kommt den ostdeutschen Hochschulen beim Hochschulpakt 2020 zu?

Prof. Patzig: Wir bieten jungen Leuten aus den westlichen Bundesländern Studienplätze. Hierbei spielen die dortigen doppelten Abiturjahrgänge eine große Rolle. Zusätzlich ist ja diese Hochschulkampagne ein wesentlicher Beitrag zur Wiedervereinigung. Noch immer sind junge Menschen aus den westlichen Bundesländern skeptisch gegenüber Ostdeutschland. Nur neun Prozent der Westdeutschen können sich nach wie vor vorstellen, an einer ostdeutschen Hochschule zu studieren. Das Bild für Ostdeutschland ist also nach wie vor negativ geprägt. Ich kann aber nur sagen: Das Studium im Osten ist lebenswert. Und gerade die jetzige junge Generation ist sehr entscheidend, weil sie prägend für die nächsten Dekaden sein wird. Wir müssen in Ostdeutschland einfach von dem negativen Image weg.

Volksstimme:Und dabei helfen Ihnen auch die Campus Daysdiesmal vom 6. bis 8. Mai.

Prof. Patzig: Diese werden wir hier in Stendal wie auch eine Woche später in Magdeburg veranstalten, um auch die Städte und Regionen mit ihren Attraktivitäten vorzustellen. In Stendal werden wir die Eltern von Studieninteressierten zu einem Wochenendaufenthalt in die Altmark einladen. Viele lernen die Region schätzen, wenn sie erst einmal zu Besuch waren und kommen dann – vielleicht zu einem Urlaub – wieder. Nicht zu vergessen ist, dass zusätzliche Studierende auch Wohnungen brauchen und Ausgaben tätigen.

Volksstimme: Und somit sind Hochschulen auch ein Standortfaktor. Wo sehen Sie die Studiengänge in Stendal in der deutschen Hochschullandschaft?

Prof. Patzig: Das lässt sich so pauschal wohl kaum sagen. Wir haben mit unserer Rehabilitationspsychologie einen bundesweit einmaligen Studiengang, die Kindheitswissenschaften und der "Kita"-Studiengang sind einmalig für Sachsen-Anhalt, das Studium der Betriebswirtschaft zeichnet sich durch viele Besonderheiten aus, welches Studierende aus unterschiedlichen Regionen zu uns führt.

Volksstimme:Welche Pläne gibt es für den neuen Campus in Stendal noch?

Prof. Patzig: Ein Wohnheim soll noch hier am Campus entstehen. Das wird beleben und die Attraktivität auf dem Gelände hoffentlich erhöhen. Besonders ausländische Studierende können wir dann hier unterbringen. Es wird jedoch mit 60 Plätzen ein eher kleines Wohnheim sein.

Volksstimme: Wann soll Baubeginn dafür sein?

Prof. Patzig: Eigentlich hoffen wir auf 2011.

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