Die Stendaler Jugend macht sich schon mal für das spätere Berufsleben warm. Einen Tag arbeiteten sie auf Probe mit.

Stendal. 9.30 Uhr. Finanzamt Stendal, Raum 302. Sechs Jugenliche sitzen an einem großen Tisch, auch Mitarbeiter des Finanzamts und zwei Ex-Azubis sind dabei. Vor ihnen liegen dicke Mappen – mit Informationen über das Finanzwesen und die Berufsausbildung. Eine Präsentation flimmert über die Leinwand. Finanzamtsleiter Heinz-Erhard Woltert erklärt den Schülern gerade, wie die deutsche Steuerverwaltung organisiert und aufgebaut ist. "Insgesamt haben wir in Sachsen-Anhalt 3600 Mitarbeiter, von denen 2800 Beamte sind, die anderen werden nach Tarif bezahlt", erzählt Woltert. Dann erklärt er ihnen, welche Steuern im Finanzamt verwaltet werden und wie die Arbeit bei der Behörde in Stendal aussieht.

10.30 Uhr. Amtsgericht Stendal, Justizzentrum "Albrecht der Bär", Haus E/F. 28 Schüler drängeln sich in den Saal 102. Sie kichern, blicken durch den großen Gerichtssaal und steuern die Reihen mit den Sitzbänken an. Nun sind alle Augen auf den Richter Klaus Hüttermann gerichtet. "Wie kriegt man eigentlich raus, ob jemand schuldig ist?", fragt er die Schüler. Ein paar Finger schießen hoch. Hüttermann spricht einen Jungen an. "Wenn er gesteht", sagt dieser. Der Richter nickt. "Ja, richtig – und was für Möglichkeiten gibt es noch?", fragt er. "Zeugen", wirft eine Schülerin ein. "Und Beweise", fügt eine andere hinzu. Dann erklärt der Richter, warum es das Jugendstrafrecht gibt. "Das gibt‘s aber nicht in jedem Land so. Schon mal was von Raoul Wütherich gehört? Der wurde mit elf Jahren in den USA eingesperrt, weil er seine Schwester misshandelte. Dafür kam das Kind dann in ein Erwachsenengefängnis", erzählt er. "Wurden Sie eigentlich schon mal bedroht?", fragt ein Schüler. "Ja, mehrfach sogar, aber das kommt selten vor." Danach schauen sich die Schüler noch eine echte Gerichtsverhandlung an, bei der zwei 21-Jährige auf der Anklagebank sitzen.

13 Uhr. Johanniter-Krankenhaus, Kinderklinik. Büro von Chefarzt Dr. Sperling. "Es ist untypisch, dass Jungs sich für Kinderheilkunde interessieren. Ich habe nur weibliche Assistenzärzte", so Sperling. Heute ist der 14-jährige Christopher Kepke für einen Tag in der Kinderklinik zu Besuch – nicht als Patient, sondern als Praktikant. Der Gymnasiast aus Genthin trägt einen weißen Kittel. Er wirkt konzentriert. "Ich bin seit 7.45 Uhr hier, habe die Besprechung und Visite begleitet. Ich durfte bei der Blutentnahme und dem EEG dabei sein", erzählt er. "Es ging sehr schnell während der Besprechung." Der Chefarzt erklärt, dass die Patienten schnell besprochen werden, natürlich alles in spezieller Fachsprache. Christopher möchte später gerne beruflich in die Medizin. "Wir als Klinik haben großes Interesse an Praktikanten", sagt Sperling. Er selber habe damals nicht so früh gewusst, dass er Arzt werden will. "Das hat sich so ergeben", sagt er heute und lächelt.

14 Uhr. Altmark-Oase. Lufttemperatur: 32 Grad Celcius. Zwölf Jungs und Mädchen werten Wasserproben nach Chloranteil und pH-Wert aus. Die beiden Azubis Remo Greczmiel und Nancy Gehrke zeigen den Schülern, wie es geht. Sie werden zu Fachangestellten für Bäderbetriebe ausgebildet. "Der Beruf umfasst mehr als nur baden", schließt Geschäftsführer Marcus Schreiber falsche Vorstellungen direkt aus. Voraussetzung ist jedoch, Rettungsschwimmer zu sein. Die Schüler schauen sich in der Badeanstalt um.

14.30 Uhr. Seniorenheim Am Springberg. Martin Schulze (17) lässt sich von einem Hebestuhl in die Badewanne setzen. "Echt bequem. Würd‘ ich gern zu Hause haben", sagt er, lacht und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. "Wanne und Stuhl kosten rund 25000 Euro", lässt Heimleiterin Monika Adam den Traum zerplatzen. Martin und eine Mitschülerin begleiten Mario Blasche und Helga Paschke von der Partei Die Linke, lassen sich durch das Heim führen. Zuvor haben sie den Verein Lebenshilfe für behinderte Menschen besucht. Mario Blasche erklärt: "Wir wollen zeigen, was Politiker machen, wenn sie mal nicht Landtag sitzen." Aber zumindest in den Kreistag geht es später dann doch noch.