Stendal. "Möchten Sie mal rein?" Polizeiobermeister Uwe Neumann klimpert mit dem Schlüssel, weist in die kahle, rundum weiß gekachelte Zelle. Die Vorstellung, dass sich die schwere Metalltür hinter mir schließt und ich auf Klingel und Gegensprechanlage angewiesen bin, um mich bemerkbar zu machen, löst Beklemmung aus. Nein, ich möchte nicht rein.

Das Polizeirevier Stendal verfügt über fünf Gewahrsamszellen – nicht zu verwechseln mit der U-Haft. In Gewahrsam wird genommen, wer sich bei einer polizeilichen Überprüfung renitent benimmt, wer andere bedroht oder eine Körperverletzung androht. Auf dem Revier wird entschieden, ob er erstmal unter Aufsicht bleiben sollte.

2010 gab es 160 Einträge im Gewahrsamsbuch, die meisten dieser Menschen wurden in die JVA gebracht, weil ein Haftbefehl oder Haftantrag vorlag. Einige aber waren kurzzeitig im Gewahrsam. Länger als vier Tage geht das nicht. "So lange war noch niemand hier", sagt Jan Heinrichs, Leiter Reviereinsatzdienst.

Der Gewahrsam ist kein Vergnügen. Für keinen der Beteiligten. "Es ist eine große psychische Belastung für den Betroffenen", sagt Revierleiter Olaf Wichmann. Die sterile Atmosphäre, das Prozedere der Durchsuchung... Und für die Beamten bedeutet es eine aufwändige Dokumentation. "Man braucht immer zwei Beamte für den Gewahrsamsdienst", sagt Wichmann. "Jeder Kontrollgang wird festgehalten, was der Delinquent zu essen bekommen hat, ob er nach einer Raucherpause gefragt hat oder Angehörige informieren wollte." Und wenn zwischendurch eine Vernehmung ansteht, muss er wieder neu durchsucht werden. Seit dem Fall Oury Jalloh, der im Dessauer Gewahrsam bei einem Brand starb, sind die Vorschriften nochmal schärfer geworden.

Wie man es aus Filmen kennt, werden Gürtel und Schnürsenkel abgenommen, Körperschmuck, mit dem man sich oder andere gefährden könnte, ebenso. Die persönlichen Dinge kommen in einen Spind. Wenn es nötig ist, muss der In-Gewahrsam-Genommene in der Sanitärzelle unter Beobachtung duschen – sie hat nur eine halbe Tür.

Spion, Kette, Schloss und Riegel – die Beamten gehen auf Nummer sicher, bevor sie eine der fünf Türen öffnen. Kameras haben Zellen und Flur im Überblick, die milchigen Oberlichter sind aus gepanzertem Glas. Gemütlich ist das alles nicht – und man muss es auch noch selbst bezahlen.

 

Bilder