Sie warteten nur darauf, wiederentdeckt zu werden: Relikte vergangener Zeiten schlummern seit über einem Jahrhundert in einem Haus der Altstadt, sie erzählen von Handwerk und Tradition.

Stendal. Es ist, als ob sich plötzlich ein Märchenbuch des Lebens öffnet. Wenn Marita Emmering in der Hofdurchfahrt ihres Hauses einen alten Holzschrank öffnet, taucht sie ein in die Zeit ihrer Kindheit. In eine Zeit auch, die lange vor den eigenen Erinnerungen begann. Da hat sie plötzlich Relikte vor Augen, die von altem Handwerk künden, von Historie und Tradition. Stendaler Geschichte, die sich in Marita Emmerings Elternhaus vergegenständlicht und verewigt hat. Am Anfang dieses Familienmärchens würde es heißen: Es war einmal ein junger Mann namens Franz-Theodor Hafmann...

Dieser Franz-Theodor Hafmann inserierte Ende des 19. Jahrhunderts "ergeben" im Lokalanzeiger einem "geehrten hiesigen und auswärtigen Publikum", dass er sich als Schlosser niedergelassen habe. "Während meines vieljährigen Aufenthalts in den größten Städten und Werkstätten, glaube ich wohl mir diejenigen Kenntnisse erworben zu haben, um alle in der Schlosserei gehörigen Arbeiten anzufertigen, sowie eiserne feuerfeste Geld-Schränke (unter Garantie der Dauerhaftigkeit), englische Drehrollen, Grabgitter u.s.w. Mein Bestreben wird stets dahin gerichtet sein, jeden mir ertheilten Auftrag prompt und gut auszuführen und bitte um recht viele Bestellungen."

Schlüssel, Schienen, Fotoschätze

Offenbar kam das Publikum diesem Wunsche nach, denn das Geschäft wurde von Emmerings Urgroßonkel an ihren Großvater und schließlich an ihren Vater übertragen. Von der Weberstraße zog es in die Breite Straße, wo Marita Emmering geboren wurde und vor fünf Jahren wieder einzog. Das, was sie seither in der Durchfahrt, im Hof, der ehemaligen Werkstatt, auf dem Dachboden entdeckte, lässt sie immer wieder staunen. Da ist zum einen dieses riesige Schlüsselkarussell mit rostbraunen Rohlingen verschiedenster Bartformen.

Und da sind die Schienen der Pferdebahn, die in einem Seitenstrang durch die Toreinfahrt zum Hof führen. Hier wurden nicht nur Geldschränke zur Reparatur angeliefert, sondern auch Waagen, die in der Schlosserei gebaut und repariert werden: Fuhrwerkswaagen, Viehwaagen, Sackwaagen, Nei- gungswaagen.

Auch Fahrräder wurden hier repariert, schließlich war Franz Hafmann passionierter Hochradfahrer. Fotos in alten Alben erzählen auch diese Geschichte. Die Leidenschaft fürs Zweirad teilte Marita Emmerings Großvater, er verkaufte Fahrräder der Marke "Panther" und war Mitglied im Stendaler Kunstradverein. Elegant posieren er und die Vereinsmitglieder auf ihren Rädern (siehe Foto oben links).

Weil sie diese Schätze in Ruhe sichten, zeitlich einordnen und für die Familiengeschichte aufarbeiten möchte, ist es Marita Emmering lieber, ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung zu lesen. "Diese Sachen bleiben hier, entsorgen werde ich sie auf keinen Fall", sagt die 63-Jährige. "Es ist wichtig für mich, dass die Historie noch da ist und ich einen Teil als Kind miterlebt habe." Eines Tages aber soll ein Museum all diese Schätze bekommen und für weitere Generationen bewahren. Auf dass auch sie sie staunend aufnehmen wie ein altes, wunderbares Märchen.

 

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