Stendal (ew). "Deutschland hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert; besonders die jüngere Generation ist ganz anders, als wir es damals waren – alles ist more easy." Chaim Noll ist froh über den Wandel, den sein Vaterland vollzogen hat, die Öffnung nach außen in die Welt.

Nach langer Deutschland-Abstinenz kehrt Noll nun seit 2006 zu regelmäßigen Lesereisen zurück. Gestern war er im Winckelmann-Gymnasium zu Gast, erzählte Geschichten aus dem alltäglichen Leben in Israel und beantwortete all jene Fragen, die die Oberstufenschüler zu diesem Land, zur Religion und Politik hatten.

Dabei war es Noll wichtig, aus der Veranstaltung keine reine Vorlesestunde werden zu lassen: "Israelis suchen den Dialog." Und diesen fand er auch bei den interessierten Schülern.

Noll emigrierte 1995 mit seiner Familie nach Israel, kehrte damit zu seinen jüdischen Wurzeln zurück. Dem ging ein Leben voraus, in dem er sich stets als Außenseiter fühlte, besonders in der totalitären DDR. Nachdem er 1984 ausreisen durfte, folgten längere Aufenthalte in West-Berlin und Rom.

"Meine Frau und ich wollten schon immer nach Rom. Hier liegen die Wurzeln Europas, hier ist die Wiege des Juden- und Christentums. Das wollten wir kennenlernen." Für die gläubigen Juden war es dann eine logische Folge, nach Israel auszuwandern. Noll: "Wir sind hier glücklich. Die Israelis nehmen Einwanderer freundlich auf."

Seit 1998 ist Noll israelischer Staatsbürger, doch verfasst er seine Essays, Romane und Geschichten noch immer in seiner Muttersprache. Der 55-Jährige versuchte sich zwar im Englischen und Hebräischen, musste aber feststellen, dass seine Sprachkenntnisse für literarische Werke nicht genügen. "In Israel gibt es nur ein paar deutsche Autoren. Wir haben es sehr schwierig, da die deutsche Sprache noch immer mit der Nazi-Herrschaft in Verbindung gebracht wird", so Noll, der heute in Beer Sheva lebt, "doch die Aversion gegen das Deutsche nimmt ab."

Allerdings setzte er sich in seinem Essay "Über die deutsche Sprache" sehr kritisch mit ihr auseinander: deutsche Literatur sei nur schwer lesbar und wird von der Bevölkerung kaum zur Kenntnis genommen. Schmunzelnd fügte er hinzu: "Dieter Bohlen würde ich nicht lesen, aber auch in Deutschland findet man gute Literatur."

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