Uchtspringe. Der Vater ist tot. Ermordet. Die Indizien legen es klar auf den Tisch, die Zeugenaussagen untermauern es : Der 19-jährige Sohn ist der Täter. Zwölf Geschworene des Gerichts in Baltimore sind nach sechstägiger Gerichtsverhandlung aufgefordert, über Schuld und Unschuld des Angeklagten zu entscheiden. Der Fall liegt auf der Hand. Alles scheint klar und eindeutig. Doch bei der Abstimmung ist sich einer der zwölf nicht sicher. Sein Votum lautet : " Nicht schuldig. " Eine hitzige Debatte um Schuld und Unschuld entbrennt.

Die Musical Factory Gardelegen zeigte am Freitagabend in der Cafeteria des Fachklinikums Uchtspringe ihre Inszenierung des gleichnamigen USamerikanischen Films " Die zwölf Geschworenen ". Zahlreiche Patienten, Mitarbeiter, Freunde und Kooperationspartner des Klinikums folgten der Einladung. Der Zuschauer war vom Bühnengeschehen räumlich kaum abgegrenzt. Amphitheatergleich umringte das Publikum das Geschehen. Inmitten des Saales war ein Tisch mit zwölf Stühlen aufgestellt, das Beratungszimmer der Geschworenen. Der Zuschauer schien dabeizusitzen, schien das schwerwiegende Urteil, das über Leben und Tod des jungen Angeklagten entscheidet, mit zu fällen. Und während Sebastian Prignitz in seiner Rolle als zweifelnder Geschworener Indiz für Indiz überprüft, bezog auch der Zuschauer Stellung.

Es ist heiß im Beratungszimmer. Der surrende Ventilator schafft keine Abhilfe. Die Geschworenen wollen an die frische Luft, wollen nach Haus, den Abend genießen, ins Stadion gehen. Schnell wollen sie die Urteilsfällung hinter sich bringen, doch einer, Sebastian Prignitz, rudert gegen den Strom. " Mir erscheint alles zu perfekt. Die Beweise passen zu gut zusammen. Das lässt mich zweifeln. " Den genervten Mit-Geschworenen versucht er seine Zweifel zu begründen. Er kann schließlich beweisen, dass das Tatmesser, als Unikat benannt, kein Einzelstück ist, dass die Aussagen einer kurzsichtigen Nachbarin, die den Mord gesehen haben will, nicht als eindeutiges Indiz zu werten sind. Nach und nach werden die Geschworenen unsicher, Votum um Votum kippt. Schließlich steht es sechs Stimmen zu sechs, dann doch wieder acht Schuldzuweisungen gegen vier Unschuld-Stimmen. Die Hitze des Tages legt sich auf die Gemüter, es kommt zu lauten Auseinandersetzungen, Handgreiflichkeiten. Dem Zuschauer wird klar, dass es um mehr geht als um die Suche nach der Wahrheit. Es wird an der Oberfläche gekratzt, Vorurteile werden gepflegt, eigene Erlebnisse und Ängste aufgegriffen und auf den Angeklagten imaginiert. Schließlich erkennt auch der Letzte der zwölf, dass begründete Zweifel vorliegen. Ein stiller Abgang folgt, Erstaunen, Fassungslosigkeit.

Die Musical Factory Gardelegen ist langjähriger Kooperationspartner der Veranstaltungsreihe " Mittendrin wir ". Dr. Bernd Hahndorf, Ärztlicher Direktor des Fachklinikums, bedauerte in seiner Begrüßungsrede die Auflösung des Projekts. Am gestrigen Sonntag hob sich im Letzlinger Kulturhaus zum letzten Mal der Vorhang für die Musical Factory Gardelegen. In zahlreichen Inszenierungen erfreute das Ensemble das Uchtspringer Publikum, etwa mit " Fröhliche Weihnachten Mr. Scrooge " oder mit dem Silvesterklassiker " Dinner for One ".