Stendal. In diesen Tagen denkt der Stendaler Klaus Arendt besonders oft daran zurück. Vor genau 65 Jahren, am 13. April 1945, war Bürgermeister Dr. Karl Wernecke den USTruppen entgegengegangen und hatte ihnen die Hansestadt übergeben – kampflos und ohne weitere Bombenopfer. In Berlin tobte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels deswegen über die " feige Übergabe ", die er als " ehrlos " abqualifizierte.

Arendt hat jene vermeintliche Ehrlosigkeit leibhaftig als damals 19-Jähriger miterlebt und überlebt. " Gott sei dank, es hat nicht mehr Bumm gemacht. Der Krieg war für uns zu Ende. "

Gerade mal zwei Tage zuvor war der junge Soldat aus dem Kampfgebiet um Ibbenbühren bei Münster in Westfalen mit einem Lazarett-Transport und später einem Personenzug über Berlin-Staaken in Stendal als leicht Verwundeter angekommen. " Mein Zug bekam keine Einfahrt in den Stendaler Bahnhof, sondern hielt an der Blockstelle Bindfelde. " Klaus Arendt, am linken Oberschenkel durch einen Granatsplitter verletzt, stieg aus und humpelte von dort nach Hause – in die sogenannte " Rathenower SAStraße ", wie sie damals hieß, zur elterlichen Nummer 22 / 23.

Keine 72 Stunden waren seit dem verheerenden Bombardement der Alliierten auf Stendal vergangen, bei welchem mehr als 300 Menschen ihr Leben verloren. Doch der heute pensionierte Malermeister traf seine Familie beinahe komplett an : zwei Schwestern sowie Mutter und Vater. Sein älterer Bruder Werner erlebte das Kriegsende nicht. 1940 war er als Flieger abgeschossen worden. An die Tage der Übergabe kann sich der heute 84-Jährige genau erinnern : " Überall hingen weiße Bettlaken aus den Fenstern. 90 Prozent der Stendaler waren dafür. "

Noch am 13. April selbst folgte Arendt dem Aufruf, dass sich ehemalige Wehrmachtsangehörige am Markt zu melden hätten. Er fühlte sich zugehörig und gehorchte. Waffen und Uniformstücke der Wehrmacht sollten den Besatzern am Marktplatz in Stendal abgegeben werden. " Ich hab den ganzen Brassel mitgenommen. Auf dem Marktplatz lagen Berge von Zeugs rum. " Noch an jenem 13. April ging es für ihn auf eine Transport-Odyssee von hier über Bismark, Hannover, den Raum Bielefeld nach Rheinberg in Westfalen. " Ich war mit einer von den ersten tausend Kriegsgefangenen, die dort ankamen. " Schnell wurden es hundertausende. Kaum Verpflegung, katastrophale sanitäre Bedingungen. Dennoch : Klaus Arendt lebte.

Die US-Amerikaner wie auch später die Franzosen, denen er ausgehändigt wurde, waren sein Glücksfall. In zig Verhören sagte er, er sei " Gefolgschaftsführer der Flieger-HJ " gewesen. " Sowas Kleines wollen wir nicht ", erfuhr er in dem politischen Lager Barbenhausen bei Darmstadt. Arendt galt als nicht hochrangig genug und erhielt die Entlassungspapiere, abgestempelt am 7. April 1946. Sein Vater Otto wie Bürgermeister Wernecke hatten weniger Glück. Beide überlebten die sowjetischen Lager nicht.