In sechs Folgen hat die Volksstimme über die Entwicklung der Altmark in den vergangenen 20 Jahren berichtet und nur jeweils kurz nach vorn geschaut. Die heutige, letzte Folge ist ganz der Zukunft gewidmet. Wie könnte die Region 2050 aussehen ? Ein gutes und ein böses Szenario, die zur Diskussion anregen sollen. Beide wären realistisch. Doch die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen.

Die Altmark im Jahre 2050 sieht trostlos und traurig aus. Viele Chancen wurden in der Vergangenheit vertan. Gute Möglichkeiten blieben ohne Beachtung. Die Auswirkungen des demografischen Wandels sind nun nicht mehr zu übersehen : leer stehende Ladenlokale, brachgefallene Gewerbegebiete, verwitternde Stadtkerne und geschlossene Schulen kennzeichnen heute die Altmark.

Region ist im wirtschaftlichen Abseits

Für Investoren ist die Region zu einem unsicheren und unattraktiven Standort geworden. Das spürt auch das Gewerbegebiet Stendal-Borstel. Seit Jahren hat sich kein neues Unternehmen mehr angesiedelt. Das im Rahmen des Ausbaus der A 14 entstandene Gewerbegebiet hat sich zu einem Flop entwickelt. Die anfängliche positive Wirkung der A 14 verkehrt sich, bedingt durch das Wegfallen von Fördermitteln der EU, des Bundes und Landes, ins Gegenteil : Die Autobahn ist nur noch Transitstrecke.

Aber auch andere Standorte bekommen die negativen Auswirkungen zu spüren. Wo vor einigen Jahren noch reger Betrieb im Zellstoffwerk Arneburg herrschte, ist heute nur noch gähnende Leere zu sehen. Ein anderer, lukrativerer Standort freut sich über ein neues Zellstoffwerk. Diese und weitere Schließungen lösten eine Welle von Entlassungen und der verstärkten Abwanderung aus, die bis heute anhält. Die Wirtschaft reagierte damit auch auf den erzwungenen Förderstopp der " Geberländer " - jener wirtschaftsstarken Bundesländer, die die finanzschwachen Länder mit Milliardenbeträgen unterstützen. Bundesländer wie Bayern reagierten damit auf die Untätigkeit der Landesregierung in Magdeburg, die die demografische Entwicklung ignorierte hatte. Die Folge : In Sachsen-Anhalt gab es für Unternehmen keine Investitionszuschüsse mehr.

Lange Wege für kurze Beine

Die einst blühende Schullandschaft hat völlig ihren Glanz verloren. Viele Schulstandorte mussten in der Vergangenheit schließen. Weitere befinden sich nur knapp über der Mindestauslastung. Die zentralen Schulstandorte sind in den größeren Mittelzentren Gardelegen, Salzwedel, Osterburg und Stendal zu finden. Durch die starke Konzentration auf wenige Standorte verlängern sich Schulwege enorm. Der Weg zur Schule dauert heute nicht selten eine Stunde. Der Zeitpunkt, die Rahmenbedingungen der Schulentwicklungspläne - unter anderem die Mindestschülerzahlen - anzupassen, wurde in der Vergangenheit versäumt.

Ein ähnliches Bild zeigen die Kindertageseinrichtungen. Viele Einrichtungen, vor allem in kleineren Ortschaften, mussten schließen. Die niedrige Geburtenrate der vergangenen Jahrzehnte zeigt hier besonders ihre Auswirkungen. Viele Eltern waren gezwungen, ihren Job an den Nagel zu hängen und sich der Kinderbetreuung zu widmen. Der Zeitpunkt, für ländliche Räume alternative Betreuungsmodelle zu finden, ist ungenutzt geblieben.

Von verpassten Chancen in der Vergangenheit sind auch die Musikschulen und Volkshochschulen betroffen. Während die Musikschulen vor der Schließung stehen, sind die Volkshochschulen lediglich gezwungen, ihr Angebot aus der Fläche zu nehmen und auf die zentralen Standorte zu reduzieren. Die Musikschulen sind stark von den geburtenschwachen Jahrgängen betroffen. Längere Schulwege verkürzen zudem die Zeit für Hobby, Freizeit und eben auch für die Musik. Wie lange die Musikschulen einen Beitrag zum kulturellen Angebot der Altmark leisten können, ist offen. Eines ist jedoch sicher : Rosige Zeiten stehen den Musikschulen nicht bevor.

Mit großer Sorge beobachtet die Kassenärztliche Vereinigung die Entwicklung in der Altmark. Immer mehr Ärzte fehlen - immer mehr Arztpraxen bleiben ohne Nachfolger. Viele Arztpraxen sind überfüllt.

Das bedeutet immer länger werdende Wartezeiten für die Patienten. In vielen Bereichen herrscht eine akute Unterversorgung mit Allgemeinmedizinern. Die medizinische Versorgung wurde auf wenige Gemeinschaftspraxen in den Mittelzentren reduziert. Fahrdienste leisten nur noch Notärzte in dringlichen Fällen.

Steigende Kosten für die Altmärker

Der Boom der vergangenen Jahrzehnte im Pflegesektor hat zur Folge, dass die Altmark im Landesschnitt Jahr für Jahr einen der vorderen Plätze in den Statistiken belegt ( zum Beispiel Zahl der Pflegeheimplätze ). Die zahlenmäßig starken Jahrgänge kommen nun ins Pflegealter. Plätze in Pflegeeinrichtungen sind zur Genüge vorhanden, werden aber nicht in Anspruch genommen. Warum ? Der Grund ist einfach : Ein Großteil der heute über 65-Jährigen stammt aus finanzschwachen Haushalten und kann die Kosten für einen Platz im Pflegeheim nicht aufbringen. Die Schere zwischen Arm und Reich kommt hier besonders zum Vorschein.

Vor allem die Trinkwasserverund Abwasserentsorgung verursachen seit Jahrzehnten hohe und unnötige Kosten. Beide Leitungssysteme sind in vielen Bereichen seit langem nicht ausgelastet. Um dennoch das Trinkwasser genießbar zu halten, werden immer häufiger kostenintensive Spülungen notwendig. Die Kosten tragen die Bürger. Die Folge : Das Leben in der Altmark ist immer teurer und unattraktiver geworden. Viele Altmärker sind aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten weggezogen. Den zuständigen Betrieben sind die Hände gebunden. Sie haben den Zeitpunkt, auf dezentrale Ver- und Entsorgung umzustellen, versäumt. Nun sind sie gezwungen, die teuren zentralen Leitungssysteme aufrechtzuerhalten.


Innenstädte verwahrlosen

Das Vorhaben, den Tourismus als einen wichtigen Wirtschaftszweig auszubauen, ist ebenfalls gescheitert. Die höchste Dichte von Hansestädten in der Altmark hat nur in den ersten Jahren zu einem kleinen Aufschwung verholfen. Fehlende Konzepte beschleunigten den Verfall der historischen Stadtkerne. Die Innenstädte wirken heute verlassen und verwahrlost. Der Großteil der Gebäude steht leer oder verfällt völlig. Nur vereinzelt sind Neubauten oder gar sanierte Gebäude zu finden.

Gepflegte Innenstädte, schmucke, aber noch kleinere Dörfer, intakte Straßen und Radwege, ein ausgebautes Schienennetz : Die Altmark hat es rechtzeitig geschafft, die notwendigen strukturpolitischen Weichen für die Zukunft zu stellen. Das ausgeprägte Heimatgefühl hat sich als starker Bindefaktor erwiesen. Im Jahr 2050 ist die Altmark eine Region mit Zukunftsperspektive und ein bundesweites Modell für den Umgang mit dem demografischen Wandel im ländlichen Raum. Möglich wurde dies auch, nachdem in der Bundes- und Landesförderung wieder ein Flächenfaktor eingeführt wurde. Die Einwohnerzahl ist nicht mehr bestimmend. Zudem sind alle Förderprogramme in ein Regionalbudget, das von der Region verwaltet wird, zusammengeführt.

Altmärkische Wirtschaft wächst kontinuierlich

Die Wirtschaft wächst. Noch immer ist das Handwerk das Rückgrat der Region. Doch nach dem Bau der A 14 Richtung Schwerin, dem Ausbau der B 71 und der Weiterführung der B 190 über Havelberg zum Berliner Großraum schnellte die Zahl der Betriebe von einst 3100 auf weit über 4500 nach oben. Als besonderer Glücksgriff erwies sich das Gewerbegebiet Stendal-Borstel an der Autobahn. Maschinenbau und Fahrzeugindustrie siedelten sich dort an.

Das Arneburger Zellstoffwerk ist modernisiert, die Papierfabrik hat ihre Kapazitäten verdreifacht. Erneuerbare Energien decken nicht nur den Strombedarf der Altmark, sondern sorgen auch für Licht und Wärme in Berlin, Hamburg und Hannover.

Dank der Universität Magdeburg und der Fachhochschule Magdeburg-Stendal gibt es einen kräftigen Strom junger Ingenieure, die in die Altmark ziehen. Neue Arbeitsplätze ermöglichen es zudem einstigen Pendlern, in der Region wieder in Lohn und Brot zu stehen. Das Lohnniveau liegt mittlerweile auf dem bundesdeutschen Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote sinkt auf unter acht Prozent. Die Kommunen und der fusionierte Altmarkkreis haben steigende Steuereinnahmen. Das verschafft ihnen den erforderlichen politischen Handlungsspielraum.

Zinsloses Darlehen für junge Eltern

Viele junge Altmärker bleiben in ihrer Heimat. Die durchschnittliche Geburtenzahl hat sich von knapp 1600 im Jahr auf 2200 erhöht. Eltern erhalten für jedes neugeborene Kind ein zinsloses Darlehen in Höhe von 10 000 Euro aus dem von EU-, Bundes- und Landesmitteln gespeisten Regionalbudget. Mehr als die Hälfte der 170 altmärkischen Kindertagesstätten bieten flexible Öffnungszeiten bis 20 Uhr an. Das ermöglicht den jungen Müttern und Vätern, auch im Zwei-Schicht-Betrieb zu arbeiten. Zudem ist ein Netz an Tagesmüttern aufgebaut worden, und es gibt rund 30 Mehrgenerationenhäuser, die Jung und Alt zusammenbringen.

In einer zweiten großen Sanierungswelle nach 1990 wurden die Schulen modernisiert. Am Grundsatz " Kurze Wege für kurze Beine " wird nicht gerüttelt, wenngleich es zu einer Schulkonzentration in den 14 altmärkischen Städten gekommen ist. Der Hochschulstandort Stendal ist bundesweiter Exzellenzstandort für die Ausbildung von Erzieherinnen.

Der " Theaterbus " und die Reihe " Theater auf dem Dorf " sorgen neben den vielen Kultur- und Sportvereinen für Vielfalt in der ländlichen Region. Das Theater der Altmark blickt 2050 auf 104 Jahre Bühnenkunst zurück.

Arztbus versorgt den ländlichen Raum

Die fünf Krankenhäuser in Stendal, Salzwedel, Gardelegen, Havelberg und Seehausen sind mit ihren angegliederten fachärztlichen Versorgungszentren die Grundpfeiler der medizinischen Betreuung. Stendal und Gardelegen sind Schwerpunkthäuser der Behandlung älterer Patienten. In Osterburg, Tangermünde, Bismark, Kalbe / Milde, Arendsee, Beetzendorf und Schönhausen sind Filialpraxen eingerichtet worden. Ärzte verschiedener Fachrichtungen betreuen dort tageweise Patienten. Der " Arztbus " mit den medizinischen Experten aus Stendal und Gardelegen kümmert sich vor allem um die älteren Patienten im ländlichen Raum. Sie werden dabei von den Praxisassistentinnen der Facharztpraxen unterstützt. Zwar fehlen noch immer Ärzte, die akute Unterversorgung der Region gehört aber der Vergangenheit an. Einige junge Altmärker sind nach dem Medizinstudium dank großzügiger Förderung durch die Krankenhäuser und Kommunen in ihre Heimat zurückgekehrt.

Etwa 35 Prozent der altmärkischen Bevölkerung sind im Jahr 2050 älter als 65 Jahre. Über einen Seniorenrat können sie aktiv an politischen Entscheidungen teilnehmen. Ein dichtes Netz an Pflegeheimen sichert die stationäre Betreuung. Doch vor allem der ambulante Pflegedienst ist ausgebaut worden. Mehr als 30 Pflegestationen, oft in den Mehrgenerationenhäusern angesiedelt, wirken in die Fläche.

Wüstungen sind politisch gewollt

Dem Einwohnerschwund in vielen kleinen Dörfern folgte ein Rückbau der technischen Infrastruktur und der Wohnbebauung. Die Regionalpolitik ließ sogar das Entstehen von Wüstungen zu - gesteuert durch Wegzugsprämien. Für Dörfer mit stabilen Einwohnerzahlen wurden so zusätzliche Finanzmittel aus dem Regionalbudget frei.

Dezentrale Entsorgungskonzepte für Trink- und Abwasser ließen die Gebühren auch außerhalb der altmärkischen Städte und Orte wie Beetzendorf, Mieste, Lückstedt und Schönhausen bezahlbar bleiben. Zudem gibt es nur noch einen einzigen Wasserund Abwasserverband. Er ist gegenüber der Regionalversammlung und dem Kreistag rechenschaftspflichtig. Auch bei der Energieversorgung hat sich im ländlichen Raum das dezentrale Prinzip durchgesetzt. Die vereinigten kommunalen Stadtwerke der Altmark sichern notwendige Netzinvestitionen ab. Der Ausbau ländlicher Wege ist rechtzeitig zu Gunsten des Erhalts zentraler Straßen gestoppt worden.