Die Bürgerinitiative gegen das Steinkohlekraftwerk Arneburg hat einen neuen Vorstand. Ihr Chef ist der einstige Bundestagsabgeordnete der Grünen und pensionierte Chemieprofessor Jürgen Rochlitz. Wie es nach dem personellen Umbruch an der Spitze der BI weitergeht, darüber sprach FRANK ECKERT mit dem BI-Chef.

Volksstimme : Herr Professor Rochlitz, ist dieser personelle Schnitt im Vorstand auch echter Neuanfang ?

Prof. Jürgen Rochlitz : Genau. Ich sehe das als einen Neuanfang für uns in der Bürgerinitiative. Es ist auch eine neue Chance, in der Öffentlichkeit stärker zu artikulieren, was wir wollen. Und es bleibt nach wie vor darauf zu drängen, dass der Stromkonzern RWE vom Steinkohlekraftwerk in Arneburg Abstand nimmt.

Volksstimme : Wie wollen Sie das denn hinkriegen ? RWE gehört die Fläche im Gewerbegebiet von Arneburg.

Rochlitz : Es ist doch ganz klar : Allein schon aus politischen Gründen um Kohlendioxidemissionen ist Kohlekraft nicht akzeptabel. Und da ist der Widerstand rechts und links der Elbe einfach zu groß. Und eines ist doch klar : Neben einem Kraftwerk in Arneburg fehlt der Platz für eine Kohlendioxid-Verpressung. Diese Fläche wäre noch mal so groß. Und das ist jetzt vorerst vom Tisch.

Volksstimme : Nun war auf der Mitgliederversammlung vergangenen Donnerstagabend des Öfteren zu hören, man sei nicht gegen etwas, sondern vor allem für etwas – für Natur, Umweltschutz,

für Nachhaltigkeit. Müssen Sie jetzt den Namen der BI ändern ?

Rochlitz : Nein, das ist ja nicht das Problem. Uns war und ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es um mehr geht, als ein einziges Steinkohlekraftwerk zu verhindern. Es geht um den besonderen Schutz unserer Umwelt. Und wir sind als Bürgerinitiative nun auch ein Förderverein für Natur und Umwelt, der für eine andere, eine umweltverträgliche Energiepolitik kämpft.

Volksstimme : Wie soll das für eine Bürgerinitiative denn aussehen ?

Rochlitz : Es geht über die Forderung an RWE hinaus, kein Steinkohlekraftwerk in Arneburg zu bauen. Auf breiter Front wollen wir mit unserem Programm deutlich machen, dass Energie-Erzeugung ohne Kohle auskommt und dass wir trotzdem die Versorgung mit genügend Energie sicherstellen können. Dafür müssen alle Quellen in Frage kommen.

Volksstimme : Welche wären das denn. Wind und Sonne werden allein kaum reichen.

Rochlitz : In den Vordergrund wird die Erdwärmenutzung treten müssen. Die so genannte Geothermie. Natürlich kollidiert diese Nutzung mit den Planungen für eine Kohlendioxid-Verpressung im Boden, der CCSTechnologie, von der wir sagen, dass sie viel zu risikoreich ist.

Volksstimme : Das heißt, dass sich die Bürgerinitiative neu ausrichten wird und dann auch Themen anderer Bürgerinitiativen streift.

Rochlitz : Wir wollen möglichst schnell mit anderen in Kontakt treten, wie mit jener in Salzwedel, die sich gegen die Kohlendioxid-Verpressung

richtet. Der Versuch dazu muss gestoppt werden. Auch wollen wir mit zwei weiteren Kraftwerksgegner-Gruppen kooperieren, die bei Wustermark etwa ein Gaskraftwerk verhindern wollen und ein weiteres bei Rathenow.

Volksstimme : Es gab zuletzt Differenzen innerhalb der BI mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz. Müssen Sie da jetzt als neuer BI-Chef viel kitten ?

Rochlitz : Nein, ich bin ja selbst Mitglied im BUND, und wir haben ja genau dieselben Ziele. Nur der Vertreter des BUND bei uns in der BI hätte im Vorfeld der jüngsten Mitgliederversammlung seine Fragen klären können. Ich verstehe seine Haltung uns gegenüber nicht.

Volksstimme : Sie meinen die Fragen nach den Zahlen im Finanzbericht von 2009 ?

Rochlitz : Zahlen gehören nunmal nicht in die Öffentlichkeit. Wir haben gesagt, dass jedes Mitglied die Unterlagen einsehen kann. Das haben wir auch Oliver Wendenkampf gesagt.

Volksstimme : Seine Frage richtete sich auch nach der Finanzierung der neuen Satzung.

Rochlitz : Es ist klar, dass sie von einem Anwaltsbüro erstellt wurde und an uns eine Schenkung gewesen ist. Damit ist die Sache geklärt.

Volksstimme : Mit Ihnen beginnt eine neue Ära der BI. Hinter Ihnen liegt eine Anfangszeit mit anderen Personen an der Spitze.

Rochlitz : Es war eine turbulente Zeit mit viel Knochenarbeit, die Katrin Herrmann, Katrin Timmreck und Jörg Radeloff an der Spitze erledigt haben. Sie legten die Grundlage für das, was wir heute weiterführen können.