Sie sind zum Teil seit September hier, lernen die deutsche Sprache und Kultur kennen und wollen wissen, wie die Wirtschaft hier funktioniert : eine Ingenieurin, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und zwei Studenten einer Universität aus Peru. Gestern zeigte ihnen Oberbürgermeister Klaus Schmotz das Rathaus.

Stendal. Die Schnitzwand von 1462 im Sitzungssaal, das gotische Gewölbe in der über 500 Jahre alten Ratsstube, in der jetzt Brautpaare den Bund fürs Leben schließen ... Die Gäste aus Peru zeigten sich beeindruckt von den Zeugnissen der Hansevergangenheit, auch wenn sie als Bewohner des alten Inkalandes mit weit in die Geschichte reichenden Kulturen durchaus vertraut sind. " Ich liebe die deutsche Kultur. Sie ist ganz anders, als sich das viele in Südamerika vorstellen ", schwärmte Carmen Calienes, nachdem sie außer Stendal auch Berlin und Hamburg, Leipzig, Dresden und Hameln gesehen hat und in Halle in zwei Konzerten war.

Die Chemie-Ingenieurin, die an der Universität Alas Peruanas in Arequipa die Zusammenarbeit mit der Hochschule Magdebung-Stendal koordiniert, ist mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern und zwei Studenten allerdings nicht allein wegen der Kultur nach Deutschland gekommen. Es geht um die Vertiefung der seit Jahren gepflegten Zusammenarbeit zwischen den beiden Hochschulen und um das Kennenlernen von Sprache und Wirtschaftmechanismen in Deutschland. " Die Gäste sollen unser Land möglichst vielschichtig erleben. Wir wollen gegenseitig unsere Eigenheiten kennenlernen und einen gemeinsamen Nenner finden. Sonst ist Globalisierung nur leeres Gerede ", beschrieb Prof. Hans-Jürgen Kaschade die Motive seiner Stiftung, die Kontakte zu Peru finanziell zu fördern.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Einbeziehung ortsansässiger Firmen. So bekommt Student Fernando Nunez zurzeit Einblick ins Stendaler BIC. Rafael Zarate, der ein Bauingenieurstudium absolviert, macht sich mit der Produktion der Präzisionsinstrumente für den Straßenbau in der Firma Zorn vertraut. " Wir möchten, dass Rafael am Ende in der Lage ist, sich nach seinem Studium eine eigene Existenz in Peru aufzubauen ", sagt Firmeninhaber Bernd Zorn. Einem Ingenieurbüro für Straßenbau zum Beispiel sollte es an Aufträgen nicht mangeln, denn, so Zorn : " Die Straßen in Peru haben viele Löcher. " Biologin Liz Aguilar bearbeitet während ihres Deutschland-Aufenthalts ein Belüftungsprojekt, Rolando Condori, ebenfalls Biologe, befasst sich mit Abwasseraufbereitung.

Die 1995 gegründete Kaschade-Stiftung unterstützt die Kooperation zwischen den beiden Hochschulen seit 2005 finanziell und mit eigenen Aktivitäten. Sie trägt die Kosten für den Aufenthalt der peruanischen Gäste, organisiert seit Jahren Lehrveranstaltungen an der Universität in Arequipa in Deutsch und Sonderpädagogik und sichert für einen deutschen Studenten die wissenschaftliche Betreuung in Peru ab. Darüber hinaus stellt die Stiftung Geld für kleinere Forschungsprojekte zur Verfügung, an denen Deutsche und Peruaner gemeinsam arbeiten. Der Bildung von Netzwerken komme dabei besondere Bedeutung zu, sagte Stiftungsvorstands-Vorsitzender Werner Schulze. In diesem Fall hätten sich Hochschule, Stadt und Landkreis Stendal sowie hiesige Unternehmen erfolgreich vernetzt.

Die Fachhochschule will die Zusammenarbeit mit Peru weiter ausbauen. Wie Prof. Fritz Grabau, Dekan des Fachbereichs Wirtschaft, gestern ankündigte, soll den Bachelor-Studenten demnächst Spanisch als zweite Fremdsprache angeboten werden.