Wollen wir ein Steinkohlekraftwerk bei Arneburg, oder wollen wir es nicht ? Der Umweltausschuss ist einer der Kreistagsausschüsse, die bei der Suche auf eine Antwort Experten verschiedener Fachrichtungen öffentlich zu Wort kommen lassen. Am Dienstagabend war das Philipp Vohrer von der Berliner Agentur für Erneuerbare Energien.

Stendal. Das Echo, das sich Ausschussvorsitzender Eduard Stapel von der Öffentlichkeit erhofft hatte, fand seine Einladung nicht. " Das haben wir bei diesem Thema ja auch schon anders erlebt ", sagte er mit Blick auf den für die Umweltausschusssitzung gebuchten und nun nahezu leeren Sitzungssaal des Kreistags. Nicht ganz unberechtigt, denn es ging ( mal wieder ) um die von RWE noch nicht zu den Akten gelegte Idee, bei Arneburg ein Steinkohlekraftwerk zu bauen.

" 2050 müssen Kraftwerke quasi CO2-neutral laufen "

Immerhin : Ein gutes Dutzend Ausschussmitglieder und am Thema augenscheinlich interessierter Bürger hörten sich an, was Philipp Vohrer zu diesem Thema beisteuerte. Vohrer war von Stapel eingeladen worden, um aus Sicht der Agentur für Erneuerbare Energien, deren Pressesprecher Vohrer ist, aufzuzeigen, wie die Energieversorgung der Zukunft in Deutschland aussehen wird.

In der Strom-Ausbauprognose 2020 der Erneuerbare-Energien-Branche, die Philipp Vohrer vorstellte, ist für neue Kohlekraftwerke kein Platz. Aus Branchensicht keine überraschende Vorhersage. Doch gibt es laut Vohrer dafür auch politische Gründe von erheblichem Gewicht. Das sei zum Beispiel die energiepolitische Richtung, die die Bundespolitik vorgibt, und es seien die klimapolitischen Verpflichtungen, die Deutschland gegenüber der EU bindend eingegangen sei. Dabei spiele die Zahl 20 die entscheidende Rolle. Zu 20 Prozent sollen die erneuerbaren Energien am Energieverbrauch des Jahres 2020 beteiligt sein. 20 Prozent weniger Energie als 1990 sollen in zehn Jahrern in Deutschland verbraucht werden und um zweimal 20, also 40 Prozent soll der CO2-Ausstoß in Deutschland bis 2020 – ebenfalls verglichen mit den Zahlen aus 1990 – reduziert werden. Gerade die letztere Vorgabe sei wichtig, so Vohrer, " wenn wir heute Kraftwerke bauen, die 40 Jahre Laufzeit haben und 2050 quasi CO -neutral laufen müssen ". Ein weiteres Argument, das Vohrer als eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Planung und des Baus neuer konventioneller Kraftwerke diente, lieferte ihm Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Der habe beim Neujahrsempfang gesagt, dass die Energieversorgung in Deutschland bis 2050 nahezu vollständig aus erneuerbaren Energien erfolgen solle.

Auf dem Weg dorthin hat die Agentur für Erneuerbare Energien eine Reihe von Berechnungen angestellt, alle darauf basierend, dass die Bundesregierung an dem gesetzlich fixierten Atomausstiegsszenario festhält. Das vorausgesetzt, wird der Anteil des aus Steinkohle erzeugten Stroms von heute 20 Prozent Anteil am Gesamtstrom auf 19 Prozent im Jahr 2020 sinken. Der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien soll nach dieser Berechnung in den nächsten zehn Jahren auf 47 Prozent steigen.

" ... dann werden sie noch mehr Neubauprojekte purzeln sehen "

Und was, wenn der Atomausstieg nicht wie geplant kommt ? Vohrers Antwort : " Dann werden sie noch mehr Kraftwerksneubauprojekte purzeln sehen als heute schon. "

Philipp Vohrer nahm damit Bezug auf Pläne, Kohlekraftwerke in Lubmin, Berlin oder Stade zu bauen, die von den Investoren inzwischen fallengelassen wurden. Gründe dafür sieht er unter anderem auch darin, dass " konventionelle Kraftwerke immer weniger Strom produzieren und immer flexibler reagieren müssen, und zudem immer teurer werden ". Letzteres aus mehreren Gründen. Ab 2013 müssten die Kraftwerksbetreiber die Emissionszertifikate, die sie jetzt noch geschenkt bekämen, bezahlen. Zum zweiten würde die CCSTechnologie, derzeit noch in der Entwicklung, zur Anwendung kommen müssen, will Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen. Mit dieser Technologie soll CO aus den Rauchgasen quasi herausgewaschen und dann separat gelagert, sprich unterirdisch verpresst werden ( die Volksstimme berichtete ). " Wenn man aber CCS-Technik einbauen muss, dann wird der Bau eines Kohlekraftwerks doppelt so teuer wie heute ", so Vohrer.

Apropos teuer : Umweltausschussmitglied Ernst Jesse wollte nach all den von Vohrer vorgelegten Prognosen wissen, wie teuer dann der zu immer größeren Anteilen aus erneuerbaren Energien erzeugte Strom für den Endverbraucher würde. Jesse bezahlt die Kilowattstunde für seinen landwirtschaftlichen Betrieb im Durchschnitt heute bereits mit 25 Cent. Ein vergleichbarer Betrieb in Frankreich bekäme den Strom für etwa die Hälfte, so Jesse. Vohrer : " Das kann ihnen heute noch keiner sagen. Ebenso wenig wie ihnen heute jemand sagen kann, was sie 2050 für ein Brötchen bezahlen müssen. " Fakt sei aber, dass fossile Brennstoffe und damit auch der aus ihnen erzeugte Strom immer teuer werden würden.