Sie sind inzwischen die einzigen in der Hansestadt, die den Narren ein abendfüllendes und dazu handgemachtes Karnevalsprogramm bieten. Am Sonnabend brachten die Akteure des Wahrburger Carneval Clubs ( WCC ) auf ihrer ersten Prunksitzung den mit 260 Gästen vollbesetzten Saal des " Schwarzen Adler " zum Kochen. Wer nicht dabei sein konnte, hat am 13. Februar noch eine Chance.

Stendal. Nach dem Prolog von Manfred Dauksch als Milchmann Tewje, der bekanntlich gern einmal reich wär ‘, hebt das Programm geradezu ergreifend an. Etliche Narren im Saal überlegen, ob sie sich von den Plätzen erheben sollen, als die ersten getragenen Klänge der alten Becher-Eisler-Hymne " Auferstanden aus Ruinen " erklingen. Doch die feierliche Stimmung wird schnell von Lachern verdrängt – durch die gelben Symbolfrüchte des Mauerfalls, die die singenden Uchtelerchen den Zuhörern wie einen Spiegel entgegenrecken. Freiheit und Banane – die neue Ossihymne des WCC.

" 31 Jahre lang gelacht, beim WCC ist ‘ s zauberhaft " : An ihrem Motto hätten die Wahrburger noch ein wenig feilen sollen. Aber aus dieser leicht verrutschten Verpackung platzt ein witzig-spritzes, optisch opulentes, lokal-kritisches und vor allem tänzerisch bezauberndes karnevalistisches Beben heraus. Ein Augen- und Ohrenschmaus das Männerballett, das in den aufwändigen Kostümen – mit dem leicht frivolen Touch, wie sich das gehört – von Sybille Kruft nach der Choreografie von Katrin Lackert ein prächtiges Rokoko-Medley auf die Bühne bringt. Die Mannen mussten es gleich zweimal tun, so wild war der tobende Saal nach ihnen. Tanzmariechen Katja Schubert wirbelt schwierige Übungen mit federnder Leichtigkeit. Die perfekte Tanzkunst der Wahrburger, verbunden mit einem sicheren Gespür für farbenprächtige Showeffekte, kulminiert im abschließenden großen Bild des Showballetts, in dem schöne lüsterne Hexen einen erotischen Tanz um einen ( nicht ganz ) nackten Jüngling vollführen.

Die große Prunksitzung des WCC bietet zweieinhalb Stunden Programm mit 17 " Tagesordnungspunkten ". In der Bütt geht es nicht ganz so spritzig zu wie auf dem Tanzboden, aber ohne Anton & Grete alias Gerold Müller und Ute Engel mit ihren Spitzen in Richtung OB und Stadtobere, ohne Christine Krombholz ‘ Bericht aus ihrem leicht verpfuschten Leben wäre der WCC nicht das, was er seit Jahren ist : der wichtigste Statthalter des Stendaler Karnevals. Auch Ausrufer Uli Metzler nimmt die Stadtpolitik aufs Korn, prangert den Abriss von Denkmalen wie des Bertram-Speichers an, amüsiert sich über die Stendaler Feuerwehr, die wegen fehlender technischer Voraussetzungen keine Spritzeisbahn anlegen kann und kommt zu dem Schluss : " Muss doch alles wieder die Wahrburger Feuerwehr machen. "

Der WCC hat 2009 den Stendaler Kulturpreis bekommen – nach dieser mitreißenden Show darf er ihn behalten.