In mehr als 390 landwirtschaftlichen Betrieben des Landkreises werden Rinder gehalten, fast 160 Betriebe produzieren Milch. Die Bruttowertschöpfung beträgt rund 120 Millionen Euro. Beeindruckende Zahlen. Noch – denn den Milchbauern geht es nach wie vor wirtschaftlich schlecht. Die Milchpreise sind noch immer zu niedrig. Eine aktuelle Lagebeschreibung erhielt die agrarpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Waltraud Wolff, gestern in der Geschäftsstelle des Kreis-Bauernverbandes.

Stendal. " Wir können von unserer Arbeit nicht leben. Ein Problem, das alle Landwirtschaftsbetriebe haben ", erklärte gestern Carola Stallbaum, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Stendal. Ihr Vize, Frank Wiese von der Agrargenossenschaft Altmärkische Höhe wurde noch deutlicher. Die niedrigen Milchpreise gefährden Arbeitsplätze, schätzte er ein. Nicht nur in der Landwirtschaft. " Nachgeordnet kommen auf einen Arbeitsplatz in den milchproduzierenden Betrieben bis zu acht weitere Arbeitsplätze ", sagte Wiese. Die Landwirte würden nach wie vor von " einem übermächtigen Handel an die Wand gedrückt ".

Nicht das einzige Problem der fast 680 landwirtschaftlichen Unternehmen im Landkreis, die rund 148 000 Hektar bewirtschaften. Auch die Besteuerung des Agrardiesels liegt den Bauern schwer im Magen. " Pro Hektar Acker brauche ich bis zu 65 Liter Diesel ", machte Torsten Werner, der zweite Vizevorsitzender des Kreisbauernverbandes, deutlich. Die Dieselsteuer, 40 Cent je Liter, entpuppe sich da als echter Wettbewerbsnachteil. In anderen europäischen Ländern liegt der Steuersatz bei lediglich zwei Cent.

Unverständnis zeigten die altmärkischen Landwirte auch darüber, dass unter einer SPDBundesregierung die Biodieselsteuer eingeführt wurde. " Da habe ich den Kampf gegen die Finanzpolitiker meiner Fraktion verloren ", räumte die Bundestagsabgeordnete

Waltraud Wolff ein. Zugleich widersprach sie aber der Forderung nach Senkung der Agrardieselsteuer : " Man muss doch das Ganze sehen, zum Beispiel die agrarsoziale Absicherung in Deutschland, die es in anderen Ländern in diesem Umfang nicht so gibt ", erklärte die Wolmirstedterin. Sie betreut jetzt für die SPD die Altmark und hatte im Zuge einer Wahlkreisreise mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Tilman Tögel in Stendal einen Zwischenstopp eingelegt.

Einig war sich Wolff mit den Landwirten über die Milchpreise. " Das Problem ist doch, dass die Milchbauern immer ihre Zahlen offenlegen müssen und der Handel dann neue Streichrunden einleitet. " Aus Wolffs Sicht sollten die Milch-Erzeugergenossenschaften gestärkt werden. Zudem habe die SPD vorgeschlagen, im Genossenschaftsrecht die Andienungspflicht für Molkereien zu streichen. Die Landwirte könnten dann selber entscheiden, an welche Molkerei sie ihre Milch verkaufen. Tilman Tögel verwies in diesem Zusammenhang auf den Zusammenschluss bayerischer Landwirte, die jetzt in Eigenregie regional ihre Milch vermarkten.

Widerspruch erntete Wolff gestern hinsichtlich der sozialen Absicherung der Landwirte. " Die Vorteile des landwirtschaftlichen

Sozialversicherungssystems

greifen bei uns nicht ", meinte Torsten Werner. Sie seien in den 1950 er und 1960 er Jahren für Betriebe in Westdeutschland geschaffen worden.

Frank Wiese ergänzte : " In vielen kleinen altmärkischen Betrieben droht den Landwirten Altersarmut. " Angesichts des prognostizierten Einwohnerschwunds im Landkreis und eines steigenden Durchschnittsalters forderte Wiese vom Land und Bund Konzepte für die Altmark, aber auch für das benachbarte Wendland und die Prignitz. " Eine übergreifende Politik ist notwendig ", mahnte Wiese. Bislang werde nur reagiert, aber nicht agiert.