Seit drei Wochen schlummert die Natur im Landkreis Stendal unter einer geschlossen Schneedecke. Den Vorhersagen zufolge wird sich daran in den nächsten Wochen nichts ändern. So idyllisch dieses Winterbild auch sein mag, für das heimische Wild bedeutet es ein Leben auf Sparflamme. Volksstimme-Redakteur Egmar Gebert sprach darüber mit Siegfried Holzinger, Sprecher der Kreisjägerschaft Stendal.

Volksstimme : Es scheint, als sähe man auf den Feldern bis nahe an Orte oder Straßen heran jetzt mehr Wild als gewöhnlich. Treibt es die Tiere auf der Suche nach Futter aus dem Wald ?

Siegfried Holzinger : Das stimmt zum Teil. Tieren, die auf pflanzliche Nahrung angewiesen sind, bietet der Winter wenig. Die Bäume kahl, Gräser unter einer Schneedecke, die mittlerweile auch schon verharscht, also nach Tauwetter wieder gefroren ist – das macht ihnen das Leben schwer. Besonders Reh und Rothirsch leben deshalb auf Sparflamme. Aber auch für Hase, Fasan und Rebhuhn in unseren heimischen Revieren ist es derzeit nicht leicht, Nahrung zu finden.

Volksstimme : Wie kommen die Tiere über diese harte Zeit ? Holzinger : Besonders wichtig für das Überleben schneeund frostreicher Perioden ist ein üppiger Winterspeck, den sich die Tiere im Herbst angefressen haben. Und : viel Ruhe !

Volksstimme : Und die sollten wir ihnen gönnen, oder ?

Holzinger : Darum möchte ich alle Naturfreunde, Wanderer und Jogger im Namen der Jägerschaft des Kreises Stendal bitten. Nicht, dass wir ihnen den Spaziergang durch den verschneiten Winterwald verleiden möchten, aber es wäre schön, die Wege zu benutzen, um unsere Tierwelt wenig zu stören. Und Hunde sollten immer – angeleint oder nicht – im direkten Einflussbereich von Frauchen oder Herrchen bleiben.

Volksstimme : Warum ist das so wichtig ?

Holzinger : Die Wildtiere reagieren auf solche Störungen mit Flucht. Jede Flucht bedeutet mehr Energieaufwand, als mit dem kargen Futter aufgenommen wird. Werden Tiere ständig aufgeschreckt, überleben sie im schlimmsten Fall den Winter nicht.

Volksstimme : Sollte man den Tieren mit Zufütterungen über den Winter helfen ?

Holzinger : Grundsätzlich gilt : Unsere heimischen Tiere haben sich über Jahrtausende an die Witterung angepasst und wissen mit dem Winter umzugehen. Ruhe ist viel wichtiger als zusätzliches Futter. Pflanzenfresser wie Hirsche oder Rehe werden in der Regel nur in Notzeiten gefüttert. Förster und Jäger sorgen dann für die artgerechte Fütterung. Etwa, wenn eine verharschte Schneedecke oder Eis das Finden von Nahrung am Boden unmöglich macht.

Volksstimme : Mancher Haustierhalter neigt dazu, seinem Hund oder der Katze bei starkem Frost mehr Futter anzubieten als sonst. Wäre das auch bei Wildtieren sinnvoll ?

Holzinger : Nein. Unser Wild schützt sich sehr gut gegen die Kälte. Das Winterhaar heimischer Säugetiere ist dichter und isoliert besser als das Sommerfell. Besonders raffiniert ist die " Dauerwelle " des Rehs. Die langen Winterhaare sind stark gewellt und nicht glatt wie die kürzeren Haare im Sommer. So wird Luft eingelagert, die sehr gut isoliert – ähnlich wie bei einer Daunenjacke. Zudem ist das Winterfell deutlich dunkler, die spärlichen Strahlen der Wintersonne wärmen dadurch besser. Auch Wildschweine haben im Winter eine dichte Unterwolle unter den Deckhaaren. Außerdem bauen sie sich aus Ästen, Reisig und Farnen schützende Kessel. Die ausgeklügelten Konstruktionen erfahrener Bachen haben sogar ein Dach und eine Tür zur Wärmeregulierung.

Volksstimme : Bären gibt es in unserer Gegend zwar nicht, aber doch sicher auch Tiere, die den Winter schlafend überdauern.

Holzinger : Siebenschläfer oder Igel haben sich schon vor Monaten in den Winterschlaf verabschiedet und kommen erst im Frühjahr wieder aus ihren Verstecken hervor. Auch sie sollten nicht gestört werden.