Etwa 20 Altmärker sind Mitglied im Kreisverband Stendal der Partei Bündnis 90 / Die Grünen. Welche Rolle die Partei in der Region spielt, ob sie sich gewandelt hat und was die Grünen auszeichnet, hat Volksstimme-Redakteurin Nora Knappe den Kreisvorsitzenden Eduard Stapel gefragt, der seit 1993 Mitglied bei den Grünen ist.

Volksstimme : Wie haben sich die Grünen seit ihrer Gründung bis heute in Ihren Augen gewandelt ? Haben sich die Ziele geändert ?

Eduard Stapel : Ich sehe keine großen Wandlungen – weder bei den West- noch bei den Ost-Grünen : die Themen Ökologie, soziale Gerechtigkeit, Bildung, der " internationale Blick ", die konsequente europäische Perspektive oder die Menschenrechte sind ebenso geblieben wie das Entwickeln zukunftsfähiger Problemlösungen. Allerdings haben sich selbstverständlich die Arbeitsweisen in beiden Teilen Deutschlands ändern müssen und ändern können – aus einer Protest-Partei in der BRD und aus einer illegalen Oppositionsbewegung in der DDR hin zu einer Gestaltungs-Partei in einer parlamentarischen Demokratie.

Volksstimme : Haben sie etwas eingebüßt, was sie vorher hatten ?

Stapel : Außer dass wir, als wir in der DDR noch Vorläufer von Bündnis 90 waren, kaum Bürokratie hatten, wie sie im jetzigen System von jeder Partei verlangt wird, fehlt mir nichts.

Volksstimme : Sind die Grünen konformistischer geworden ?

Stapel : Ganz im Gegenteil ! Denn zum Protest und zur Opposition, die ja noch nicht viel mit der jeweiligen ganzen Gesellschaft zu tun hatten, sind inzwischen Politik-Angebote gekommen, die Änderungen der ganzen deutschen und europäischen Gesellschaft erfordern. Zum non-konformen Widerstand gegen viele Zustände sind nun also noch die nonkonformen Zukunftsideen gekommen.

Volksstimme : Wie viele Mitglieder haben die Grünen im Kreis Stendal ?

Stapel :

Sieht man von den Anfängen gleich nach 1989 / 90 mit dem Neuen Forum ab, hält sich die Zahl der Mitglieder des Stendaler Kreisverbandes seit vielen Jahren konstant bei etwa 20.

Volksstimme : Was fehlt den Grünen, um mehr Mitglieder anzulocken ?

Stapel : Von den Themen und von den Problem-Lösungen aus gesehen eigentlich nichts. Immerhin stimmen uns seit Jahren große Bevölkerungsgruppen zu, wenn wir versuchen, Natur und Umwelt zu schützen, die Atom-Energie zu beenden und auf Erneuerbare Energien zu setzen, die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel durchzusetzen, mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen, Waffen-Exporte zu verringern, die Wirtschaft vieler Dritte-Welt-Länder vor den hoch subventionierten Lebensmittel-Exporten auch aus Deutschland zu schützen oder den Import von regenwaldvernichtendem Bio-Diesel einzudämmen ... Verständlich wird unsere kleine Mitglieder-Zahl womöglich dadurch, dass wir unsere Politik konsequenter als andere und demzufolge auch mit Konsequenzen für jeden Einzelnen durchsetzen wollen und dass unsere Politik auf eine wirkliche Veränderung auch des jeweils eigenen Lebensstils hinausläuft. Und : Wir sind mit unseren Themen oft " zu früh "; heute wird ja das, was vor Jahren noch als " grüne Spinnerei " abgetan wurde, immer öfter und immer mehr Bestandteil der Politik auch anderer Parteien – auch wenn es oft nur " grüner Anstrich " ist.

Volksstimme : Wo stehen die Grünen heute, was ist ihr Auftrag ?

Stapel : Im Westen sind wir eine gefestigte Partei – im Osten stehen wir auf etwas wackligen Füßen. Der Auftrag hat sich – leider – nicht geändert. Ganz im Gegenteil : Solange und umso mehr unaufhörliches, immer schnelleres und undifferenziertes " Wachstum " gefordert wird, das ja in der Regel auf Kosten der Umwelt, also unserer Lebensgrundlagen, zukünftiger Generationen und der Menschen in Dritte-Welt-Ländern geht, müssen wir zeigen, wo Wachstum wirklich nötig ist – nämlich bei Bildung, Medizin oder Erneuerbare-Energien-Gewinnung statt bei der Wegwerfgesellschaft mit immer höherem Produktions-Ausstoß, immer größerem Konsum und immer höheren Müllbergen.

Volksstimme : Was haben die Grünen, was andere Parteien nicht haben ? Schließlich schreiben sich auch die großen Parteien " grüne " Themen auf ihre Fahnen.

Stapel : Wir gucken eher und mehr als andere darauf, was für die Zukunft nötig und möglich ist, und denken dabei weltweit. Zwar werden auch andere Parteien Stück für Stück " grüner ", weil man heutzutage an " grünen " Themen und Lösungen ja gar nicht mehr vorbeikommt. Aber oft sind sie damit entweder zu spät oder nur " blass-grün ".

Volksstimme : Welche Rolle spielen sie hier in der Region ?

Stapel : In der Regel eine kleine und unwesentliche. Aber wenn es darauf ankommt, sind wir zur Stelle – wie das Beispiel Steinkohlekraftwerk zeigt, das zuerst ja wir thematisiert haben. Außerdem nehme ich für uns in Anspruch, schon vor zehn und mehr Jahren darauf hingewiesen zu haben, dass es beispielsweise Direkt-Vermarktung hier produzierter Lebensmittel geben muss und dass die Bauern mit der Erzeugung Erneuerbarer Energien ein zweites Standbein brauchen. Dinge, die sich nun zwar spät, aber insgesamt doch durchgesetzt haben. Die Altmark ist inzwischen sogar Energie-Exporteur geworden. Allerdings würde sie bei einer bündnisgrünen Umsetzung selbst auch mehr daran verdienen.

Volksstimme : Welche Argumente würden Sie jemandem sagen, der sich entscheiden will, ob er Mitglied bei den Grünen werden sollte ?

Stapel : Sollten die genannten Dinge wirklich nicht reichen ? Aber, bitte : Zum einen haben wir so viele Themen, dass es für ein umfassendes Politik-Angebot reicht ; wir sind eben nicht nur die " Öko-Partei ". Und zum anderen begrüßen wir nicht nur gern neue Mitglieder, sondern auch deren Mitarbeit an ihren jeweiligen Themen.

Volksstimme : Was ist Ihre persönliche Motivation, sich bei den Grünen zu engagieren ?

Stapel : Einerseits die Übereinstimmung meiner eigenen Interessen mit der Politik dieser Partei. Und andererseits wird mein persönliches Verantwortungsgefühl für die Welt und für ihre Zukunft von dieser Partei am besten umgesetzt. Außerdem kämpft keine Partei wie Bündnis 90 / Die Grünen im Osten wie im Westen schon seit 30 Jahren, also jeweils von Beginn an, so sehr für die Einhaltung auch meiner Menschenrechte als Schwuler.