Deutschland feierte gestern 20 Jahre Mauerfall – ausgelassen und fröhlich. Doch der 9. November steht auch für eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte – der Reichspogromnacht 1938, in der jüdische Geschäfte und Synagogen in Flammen aufgingen. Mit einer szenischen Lesung gedachten acht Schüler der Berufsbildenden Schulen II dieses historischen Datums und des jüdischen Widerstands der " Gruppe Herbert Baum ".

Stendal. Dass der 9. November nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht zum Nationalfeiertag wurde, liegt daran, dass dieser Tag nicht nur positive Geschichte geschrieben hat. 1938 gingen am 9. November Tausende jüdische Geschäfte und Synagogen in Flammen auf, die Judenverfolgung entfaltete im Dritten Reich ihre ganze Brutalität und Gnadenlosigkeit.

" Wir wollen dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte nicht aus den Augen verlieren ", sagt Jens Schößler, Lehrer an den Berufsbildenden Schulen in Stendal. Im Deutschunterricht erarbeiteten sieben Schüler der zwölften Klasse des Fachgymnasiums Gesundheit zusammen mit dem Berliner Theaterintendanten Michael Kreuzer eine szenische Lesung, die den jüdischen Widerstand der " Gruppe Herbert Baum " zum Thema hatte. Jene Gruppe verübte 1942 einen Brandanschlag auf die Nazi-Propaganda-Ausstellung " Das Sowjetparadies ".

Doch wer war Herbert Baum ? Die Lesung, die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt wurde, zeichnete ein Bild dieses Widerständlers und seiner Kameraden, das auf Erinnerungen und Kommentaren vieler Wegbegleiter beruht. Als jähzornig beschreibt ihn eine Frau, als froh und vergnügt ein Jugendfreund. Herbert Baum wurde 1912 in Posen geboren. In den zwanziger Jahren zog seine Familie nach Berlin. Er war Leiter einer Wandergruppe in der deutsch-jüdischen Jugendgemeinschaft – " ein geborener Anführer ", wie ein Zeitzeuge berichtet.

Mit der Machtergreifung der Nazis verlassen viele Juden Deutschland, wandern aus. Doch Baum schließt sich den Kommunisten an, zieht sich in den Untergrund zurück, schart Vertraute um sich. 1942 wird die Gruppe aktiv – mit einem Brandanschlag auf die Ausstellung " Das Sowjetparadies ". Elf Leichtverletzte zählen die Nazis und fünf Quadratmeter Wandfläche sind zerstört. Der Schaden hielt sich in Grenzen – die Rache der Nazis nicht. Schon drei Stunden nach dem Anschlag werden erste Mitglieder der Gruppe verhaftet, nur wenige überleben die Verfolgung durch das Regime.

Die Schüler lesen die Namen der getöteten Widerstandskämpfer vor. Ein Beamer wirft die Bilder der Männer und Frauen an die Wand, Schüler treten einzeln vor, sprechen die Namen aus und lassen sie kurz aus der Vergangenheit zurückkehren. Suzanne Wesse gehörte dazu. Bewusst entschied sich die aus Frankreich stammende Frau gegen eine Auswanderung und für den Widerstand. Wie sie steckten viele der Gruppenmitglieder um Herbert Baum in einem Dilemma : Sie entschieden sich für die Gruppe und gegen die eigene Familie. Viele waren nicht älter als Mitte zwanzig, als sie der Gruppe angehörten. Suzanne ließ Kleinkinder zurück, andere schickten aus Todeszellen letzte Worte an ihre Hinterbliebenen, mit denen sie um Verzeihung baten.

Ein Jugendfreund spricht in einem Video über die gemeinsame Jugend mit Herbert Baum. Gerichtsdokumente und handschriftliche Notizen prangen an der Wand, lassen das Gelesene zur Realität werden. Rund 70 Mitschüler lauschten der Lesung, schauten gespannt auf die Zeitzeugen und Dokumente. Den 9. November sahen sie gestern am Ende der Lesung wohl mit gemischten Gefühlen – froh über die Einheit Deutschlands, aber auch bewegt von der Geschichte einer Widerstandsgruppe, die nur selten in Geschichtsbüchern auftaucht.