Stendal. " Senf dazugeben " nennen die Verantwortlichen der Intendanz eine neue Reihe, in der Wissenschaftler, Künstler und Theaterbesucher nach Vorstellungen im Theatercafé zusammenkommen, um Meinungen zum Kunstwerk Theatervorstellung auszutauschen.

Pierre Temkine, französischer Buchautor zu Erkenntnissen des Stücks " Warten auf Godot ", auf denen die Stendaler Aufführung basiert, war am Sonnabendvormittag prominenter Gast des Kolloquiums. Er bestätigte der Stendaler Inszenierung ihre historische Konkretheit und hob besonders das abrupte Auftreten der Personen Pozzo und Lucky hervor.

Ersterer als abgründiger Mephisto und zugleich verwerflicher Provinzler. Besonders auffallend fand er den Wegfall " aller Folklore " wie Bäume und Strick zum Erhängen, die man an die Wände verbannt habe in Form von Bildern von Caspar David Friedrich. So trifft die Inszenierung pur den Kern der Aussage Becketts.

Aus der historischen Aufführungspraxis schälte sich bisher die Vieldeutigkeit heraus, die das historisch Konkrete überdeckte. So überzeugt die Stendaler Inszenierung nach Meinung des französischen Gastes durch genaue Stückbehandlung und Überraschung dank leistungsstarker Darsteller.

Ob Beckett das Ergebnis so erlaubt hätte, bleibt zweifelhaft, aber er selbst sagte ja auch : " Alles ist Spiel, und das muss überleben !"

Dr. Thomas Irmer gab in einem Einführungsüberblick Hinweise zur Aufführungsgeschichte von Becketts " Warten auf Godot ". Alle Inszenierungen fußen auf Martin Eßlings Werk " Das absurde Theater ". Es reflektiert das absurde Theater aus der absurd gewordenen Welt in den Erschütterungen des 2. Weltkrieges im Nachkriegseuropa.

Besonders begrüßt wurde seither die völlige Offenheit der Deutungen der Werke. Nunmehr tritt der historische Hintergrund und die konkrete Handlung in diesem Umfeld in den Blickpunkt durch Temkines Arbeit. Um diese Fakten werden künftige Aufführungen nicht herumkommen. Insofern ist das Buch ebenso epochal wie das von Eßling.

Die Diskussion anhand beider Vorgaben um die Stendaler Inszenierung verlief danach sachlich, auch kontrovers, bestätigte aber die Bedeutung der Inszenierung für die Werkinterpretation.

Abschließend stellte Filmdokumentarist Thomas Knauf noch " Hey Joe " von Samuel Beckett vor und vervollständigte damit die Ausführungen des Kolloquiums " Senf dazugeben ".