" WENDEgedenken " überschrieben die Stadt Stendal, die katholische Gemeinde und der evangelische Kirchenkreis eine Veranstaltungsreihe, die mit vier Montagsgebeten im Oktober begann und am Wochenende mit " Zeitzeugengesprächen " im Rathausfestsaal ihren Höhepunkt erlebte. Es ging ums Erinnern und Bewahren, um einen nicht verklärten Blick zurück und einen kritisch-zuversichtlichen nach vorn.

Stendal. Ein Land, in dem es an vielem mangelte, vor allem aber an Freiheit, an Demokratie und an Ehrlichkeit. So erinnerte sich Stendals Oberbürgermeister Klaus Schmotz an die DDR, als er die Gäste der " Zeitzeugengespräche " im Rathausfestsaal begrüßte. Diese Verhältnisse hätten erst wenige, dann immer mehr Menschen den Mut fassen lassen, auf die Straße zu gehen. Ihnen dankte Schmotz, nannte stellvertretend zwei Stendaler, die von den Gästen des " WENDEgedenkens " mit einem Augenblick des Schweigens geehrt wurden : Dr. Erika Drees, die im Januar dieses Jahres aus dem Leben schied, und Hans-Peter Schmidt, der 2002 verstarb. Schmotz sprach in ihrem Sinn als er sagte : " Was in der historisch kurzen Zeit von September 1989 bis März 1990 geschah, darf nie vergessen werden. Was in den 20 Jahren danach erreicht wurde, darf niemals mehr in Frage gestellt werden. "

Weggefährten von Drees und Schmidt saßen im Podium der " Zeitzeugengespräche ". Von ihnen wollte der die Runde moderierende Pfarrer Karsten Müller wissen, was für sie der Auslöser war, um sich im Herbst 1989 für Veränderungen im Land zu engagieren.

Bei Wiebke Stephan wuchs das Bewusstsein : In diesem Land muss sich etwas ändern ! schon Anfang der 80 er Jahre mit der Aktion " Schwerter zu Pflugscharen ". Das Frühjahr und der Sommer 1989 und die Flüchtlingsbewegung brachten für sie die Zäsur : " Ich wusste, so kann es nicht bleiben. Uns können und dürfen nicht alle Leute weglaufen. "

" Was soll aus

einer Gesellschaft

werden, in der die

Angst regiert ?"

Auch für den damaligen Dompfarrer Eberhard Simon fiel der erste Stein des Anstoßes am DDR-System bereits Anfang der 80 er Jahre, als ein junges Mitglied seiner Gemeinde aus einem Friedensweg heraus festgenommen und eine Nacht festgehalten wurde, " nur weil er den kleinen Aufnäher ‚ Schwerter zu Pflugscharen ‘ an seiner Jacke trug. "

Für Dr. Eberhard Schmidt, damals Probst, war es die Einmischung staatlicher Stellen in die Arbeit der Kirche und schlussendlich Dr. Erika Drees " die mich überzeugt hat, dann sehr aktiv für Veränderungen in der DDR einzuterten. "

Für Werner Schulze war es der Gründungsaufruf des Neuen Forums. Er wurde zu dessen Mitbegründer.

Bernhard Ebel, damals Superintendent : " Ich sah als Pfarrer, dass Menschen zunehmend in Angst gerieten. Und ich fragte mich : Was soll aus einer Gesellschaft werden, in der die Angst regiert ?"

Es folgten persönliche Erinnerungen an den Wendeherbst 1989, an 4000 bis 5000 Menschen im Dom, an schweigend auf die Mauer des Stendaler Stasi-Kreisdienststelle gestellte Kerzen, an Einschüchterungsversuche und kurriose Gesprächsangebote der Staatsund Parteiführung, an eigene Ängste und euphorische Glücksmomente, aber auch daran, dass einiges von dem, wofür die Menschen damals auf die Straße gingen, auf der Strecke blieb.

Dennoch stimmten die Gäste der " Zeitzeugengespräche " im Rathausfestsaal applaudierend zu, als Karsten Müller resümierte : " Für mich ist auch dieser Tag heute ein Ankommen im wiedervereinigten Deutschland. "