Zwischen " Russendisko " und " Militärmusik " liegen musikalische Welten. Wladimir Kaminer stellt seine Welt heute im Theater der Altmark in Stendal vor. Ab 19. 30 Uhr gibt er sein " Best of Kaminer ". Volksstimme-Redakteur Frank Eckert unterhielt sich zuvor mit dem Bestseller-Autor.

Volksstimme : Woran arbeiten Sie momentan ?

Wladimir Kaminer : Ich schreibe ein Buch über meine Schwiegermutter. Es ist ein Werk, an dem ich seit mehreren Jahren arbeite. Das ist sehr spannend ; sie ist Russin aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny.

Volksstimme : Herr Kaminer, Ihr deutscher Lieblingsfußballer Miroslav Klose hat im entscheidenden WM-Qualiÿ kationsspiel im September gegen Ihr Heimatland Russland in Moskau das entscheidende Tor zum Sieg der Deutschen geschossen. Ist er jetzt noch Ihr Lieblingsspieler ?

Kaminer : Mein Gott, ich bin ja bei solchen Spielen immer auf der richtigen Seite, egal, wer gewinnt. Und dann kann ich mich ja zurücklehnen und hoffen, dass der Bessere gewinnt. Und im Fußball ist das ja noch so, anders als beim Boxen, wo doch viel vom Zufall abhängt.

Volksstimme : Der Zufall half Ihnen ja ein bisschen in Deutschland. Sie sind noch zu DDRZeiten Deutscher geworden.

Kaminer : Ja, ich war genau zur Wendezeit in der DDR, in Ostberlin. Da habe ich gedacht, ich bleibe, auch weil die damalige Sowjetunion noch kein fortschrittliches Land war. In den letzten DDR-Monaten habe ich dann die Staatsbürgerschaft hier beantragt. Für ausländische Bürger gab es einen roten Ausweis. Es war eine extrem spannende Zeit, eine, in der sich der Staat massiv zurückzog und die andere Gesellschaftsordnung noch nicht angekommen war.

Volksstimme : Mittlerweile sind Sie in Deutschland ja recht gut angekommen. Sie haben alle Ihre Bücher zuerst auf Deutsch veröffentlicht. Gibt es eine Stadt, die Sie in Deutschland noch nicht kennen ?

Kaminer : Das glaube ich nicht. Ich müsste eigentlich fast alle Städte kennen.

Volksstimme : Auch in der Altmark ? Wie bereiten Sie sich auf die Reise hierher vor ?

Kaminer : Sicher war ich auch schon in Stendal. Mehrmals sicher. Es gibt ja keine Stadt, die ich nicht kenne. Und dann trete ich am Buß- und Bettag dort auf. Also werde ich mich auf der Bühne ganz demütig zurückbesinnen, ob ich schon da war ; so mache ich das bestimmt in Stendal.

Volksstimme : Sie haben mal behauptet, Sie seien kein Berliner. Gibt es denn einen Lieblingsort in Berlin ?

Kaminer : Das ist ganz sicher die Gegend zwischen Mauerpark, der Max-Schmeling-Halle und dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion im Prenzlauer Berg. Hier ist die Stadt ganz typisch, typisch Berlin. Leere Flecken mitten in der Stadt. Und kürzlich saß ich in Sindelÿ ngen im Hotel und habe gesehen, dass Alice Cooper ein Konzert direkt an der Max-Schmeling-Halle gegeben hat. Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich vom Balkon aus zusehen können. Nicht weit vom Mauerpark entfernt.

Volksstimme : Wie haben Sie denn den Mauerfall erlebt ?

Kaminer : Ich war damals in Moskau. Im Fernsehen habe ich dann gesehen, wie die Mauer in Berlin gefallen ist. So ist dann die Idee entstanden, da muss ich hin. Es war unbewusst, und meine große Reiselust ist entstanden. Irgendwie sehnte ich mich nach Dingen, die ich nicht haben kann.

Volksstimme : Und wonach sehnen Sie sich heute ?

Kaminer : Ich sehne mich heute nach den gleichen Dingen wie damals. Demnächst werde ich nach Japan gehen an zwei Universitäten, danach nach Madrid.

Volksstimme : Und auf Deutsch Lesungen geben ?

Kaminer : Logisch. In Tokio gibt es einen Deutschlehrertag. Dort werde ich deutsche Literatur vorstellen. Also lese ich auch auf Deutsch vor.

Volksstimme : Wo ist Ihre Heimat, in Russland oder in Deutschland ?

Kaminer : In Russland natürlich. Da bin ich geboren.

Volksstimme : Heimat kann aber auch dort sein, wo man überwiegend lebt. Und Sie haben Ihre Frau in Berlin kennengelernt. Ihre Kinder sind hier geboren.

Kaminer : Stimmt. Also auch Deutschland ist meine Heimat.

Volksstimme : Sie haben mal angekündigt, als Regierender Bürgermeister von Berlin kandidieren zu wollen. Haben Sie schon eine Partei für sich gefunden ?

Kaminer : Meine Bemerkung sollte das politische Leben in Berlin ein bisschen aufrütteln. Politik müsste wieder ein bisschen spannender werden. Viel mehr Leute sollten Verantwortung übernehmen. Die Bürger könnten aktiver werden, das wollte ich eigentlich ausdrücken. Aber klar : Ich bin hier in Deutschland auch ein politischer Mensch geworden. In der Sowjetunion hatte das keinen Sinn. Dagegen ist hier das Gefühl für Demokratie entwickelt, vieles ist in Bewegung, das trägt zur permanenten Demokratisierung der Gesellschaft bei. Wichtig ist die Erkenntnis : Es lohnt sich, politisch engagiert zu sein.

Volksstimme : Herr Kaminer, sind wir Deutschen humorloser als andere Nationen, als Russen ?

Kaminer : Vielleicht gab es hier in Deutschland zu wenig zu lachen in den letzten 100 Jahren. Ich sehe es als Teil meines Berufes an, das zu ändern. Es wird also schon besser jetzt.