Inge Krausbeck lebte gern in der DDR, in der Altmark. Bis zu dem Tag im Februar 1988, als ihr ihr Mann am Telefon mitteilt, dass er von einem Verwandtenbesuch aus dem Westen nicht zurückkommt. Mit ihrem Entschluss, für sich und ihre Söhne einen Ausreiseantrag zu stellen, beginnt für die Kinderärztin ein monatelanger Alptraum. Die Erinnerungen an diese Zeit hat sie in ihrem Buch " Ausreisezeit. Abschied von der DDR " veröffentlicht.

Altmark. Ein Satz lässt am 3. Februar 1988 Inge Krausbecks Welt zusammenstürzen. " Ich komme nicht in die DDR zurück ", sagt ihr Mann Wolfgang am Telefon. Er nutzt einen Verwandtenbesuch in der Bundesrepublik zur Flucht. Vorbereitet hatte er die, ohne seiner Familie auch nur ein Wort zu sagen.

Der Schock sitzt tief bei Inge Krausbeck. In den ersten Tagen hält sie den Schein aufrecht, fährt sogar nach Stendal zum Bahnhof, um den Rückkehrer scheinbar abzuholen.

Bis dahin hatte Inge Krausbeck gern in der DDR gelebt. Sie studierte Medizin, lebte bis 1988 in Bismark, absolvierte ihre Ausbildung in Osterburg, war von 1981 bis 1988 Kinderärztin im Ambulatorium in Kalbe. Sie kam aus einer Arbeiterfamilie. Ihr Vater war Kommunist, ein unbequemer Genosse, der ob seiner Fragen und Einmischungen nicht überall auf Gegenliebe stieß. Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht beeinflussten Inge Krausbecks Einstellung zur DDR. An der grundsätzlichen Richtigkeit des Systems zweifelte sie nicht. Die Flucht ihres Mannes zwingt sie zur Entscheidung : Familie oder Heimatland. Am 14. März 1988 stellt sie aus familiären Gründen einen Ausreiseantrag - und lernt von diesem Zeitpunkt an ihre DDR von einer völlig anderen Seite kennen.

Inge Krausbeck muss Wertgegenstände auflisten, Konten ihres Mannes werden gesperrt. Verhöre durch die Staatssicherheit, Misstrauen, Verfolgung. Ihr Sohn verliert seinen Platz an der Erweiterten Oberschule in Tangerhütte. Zermürbende Wochen vergehen, in denen sie um ihre Ausreise kämpft – einerseits von den Behörden der DDR hingehalten und andererseits von ihrem Mann bedrängt, ihm schnellstmöglich in den Westen zu folgen.

" Ich weiß nicht, wie ich das damals ausgehalten habe ", sagt Inge Krausbeck 20 Jahre später im Gespräch mit der Volksstimme. Sie sei in der glücklichen Lage gewesen, ihre Söhne an ihrer Seite zu haben und einen Freundeskreis, der zu ihr stand. " Nicht ein Einziger ist von mir abgerückt ", erinnert sie sich. Sie habe viel erlebt in dieser Zeit, Ablenkung in zahlreichen kulturellen Veranstaltungen gefunden.

Aber im September 1989 ist Inge Krausbeck nach mehrmals abgelehnten Ausreiseanträgen mit ihrer Geduld am Ende. Monatelang hat sie die Ausreise vorbereitet, Pakete vorausgeschickt, Koffer gepackt. Nun plant die Familie einen Kurzausflug nach Prag. Ihr Ziel : die Botschaft der Bundesrepublik. Sie treffen an jenem Tag dort ein, an dessen Abend Außenminister Hans-Dietrich Genscher die wartenden Menschen aus der DDR über ihre Ausreise informiert. Bei der Erinnerung an diesen Augenblick, da gehe die Gänsehaut ganz tief, blickt Inge Krausbeck zurück.

Gleich 1990 habe sie ihre Erinnerungen an die zurückliegenden Monate aufgeschrieben. Später forderte sie ihre Stasi-Akte an. Diese umfasste 348 Seiten, Protokolle von Verhören und abgehörten Telefonaten, Kopien von Briefen und Berichten von Inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern. In ihrem Buch wechseln sich die Erinnerungen der Ärztin mit Auszügen aus der Akte ab.

Heute leben Inge und Wolfgang Krausbeck in Burg auf der Ostseeinsel Fehmarn. In jedem Jahr reisen sie einmal in die Altmark, nach Bismark, Badel, Osterburg, dorthin, wo ihre Freunde leben. Der erste Besuch habe 1989 stattgefunden. " Über Helmstedt einzureisen, war schon eigenartig ", sagt Inge Krausbeck rückblickend. Doch das sei inzwischen nicht mehr so.

Das Buch von Inge Krausbeck " Ausreisezeit. Abschied von der DDR " ist im Biografie-Verlag erschienen ( ISBN : 978-3-937772-15-8 ) und kostet 14, 90 Euro.