Produktives Lernen nennt sich ein Angebot, das den Schülern der achten und neunten Klassen der Stendaler Comeniusschule unterbreitet wird. An drei Tagen in der Woche schnuppern sie Praxisluft. Berufsvorbereitung der handfesten Art, die 13 Jugendliche in dieser Woche zu Saatgutsammlern in der Elbe-Tanger-Niederung werden ließ.

Stendal. Es ist noch kühl an diesem Dienstagmorgen, das knöchelhohe Gras in der Elbaue zwischen Tangermünde und Bölsdorf noch feucht vom Tau. Die fünf Mädchen, die sich an einem Wildbirnbaum zu schaffen machen, stört beides nicht. Sie ernten die Minifrüchte des urwüchsigen Obstgehölzes. Gegen 9 Uhr, eine halbe Stunde nachdem Melanie, Mizgin, Julia, Delilah und Anastasia ihren " Ernteeinsatz " gestartet hatten, schütten sie den Inhalt der ersten drei Eimer in eine Wanne. Mehr als 20 Kilo. Auf 50 Kilogramm soll sich die Wildbirnenernte belaufen, wenn dieser " Unterrichtstag " zu Ende geht.

Projekt schöpft aus

Gen-Pool der Natur

Dazu werden etliche Kilo Weißdorn kommen, die die zu diesem Erntetrupp gehörenden Jungen von den Ästen eines vor Beeren rot leuchtenden, übermannshohen Strauchs zupfen.

Produktives Lernen nennt sich das Fach, das die 13 jungen Leute einer neunten Klasse der Stendaler Comeniusschule an drei Tagen in der Woche Praxisluft schnuppern lässt. Die Praxis, die sie hier im Überflutungsgebiet von Elbe und Tanger kennenlernen, ist das " Waldgen-Ressourcenprojekt " des Biosphärenreservats Mittelelbe. " Wir sammeln Saatgut aus der Aue für die Aue ", bringt Peter Oestreich auf den Punkt, worum es in dem Projekt geht. Die Bäume und Sträucher, die in der Elbe-Tanger-Niederung wachsen, haben schon so manches Hochwasser hinter sich. Peter Oestreich, in der Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe für den Bereich Landschaftspfl ege zuständig, schätzt das Alter des Birnbaums, dem die Mädchen aus der Neunten bereits wieder mit ihren Pflückeimern zu Leibe rücken, auf mehr als 100 Jahre. Derartige Flora ist an die Lebensbedingungen in einer Auenlandschaft angepasst. Zieht man aus ihren Samen neue Pflanzen – was eine Brandenburger Baumschule im Auftrag des Biosphärenreservats macht –, sind die mit den gleichen Genen ausgestattet und ebenso gut für das Leben in einer Aue gewappnet wie ihre Mutterpflanzen. Einige Elbauen und auch Überfl utungsgebiete entlang der Oder kamen bereits in den Genuss des Projekts. Aus den Birnen, die die Mädchen bei Tangermünde ernteten, werden in zwei Jahren kleine Setzlinge herangewachsen sein. Wer weiß, vielleicht sind es dann wieder Stendaler Comeniusschüler, die sie in die Auenlandschaft pflanzen. Ebenso wie den nachgezogenen Weißdorn, die Schlehen, Pfaffenhütchen, Hartriegel und Kreuzdorn, deren Ernte an den Praxistagen der Stendaler Commeniusschule in dieser Woche auf dem Lehrplan der Neuntklässler standen.

Die waren übrigens durch die Bank mit diesem Unterrichtsangebot, das auf Anregung ihrer Lehrerin Ines Oestreich zustande kam, mehr als einverstanden. Sie kennt das Projekt durch ihren Mann und wusste so auch, dass er im Rahmen des " Waldgen-Ressourcenprojekts " im vergangenen Jahr mit dem Tangermünder Kinderheim zusammmengearbeitet hatte.

Erste Schritte auf

dem Weg zum Beruf

" Das ist eine tolle Sache und macht echt Spaß ", war von " Weißdorn-Erntehelfer " Tobias zu hören. Zustimmendes Nicken in der Runde der produktiv lernenden Schüler der Comeniusschule. Obwohl : Geschmack auf einen grünen Beruf hat ihm die Aktion nicht gemacht. Er würde lieber Maler werden. In einem Malerbetrieb wird er darum ab der nächsten Woche produktiv lernen. Zwei seiner Mitschülerinnen testen dann ihr Talent zur Kindergärtnerin, die anderen schnuppern in weitere Berufe hinein. Die Wahl der Betriebe sei den Schülern überlassen, sagt Lehrerin Inge Ratzmann. An drei dieser Praxisstellen lernt jeder Neuntklässler im Laufe des Schuljahrs verschiedene Berufe kennen. Und wenn es ganz gut klappt, werden sie ab dem nächsten Jahr in einem dieser Betriebe wieder auf der Schulbank sitzen – als Auszubildende.