Stendal ( ro ). Im Jahr 20 nach dem Mauerfall lassen wir an dieser Stelle Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur zu ihrem persönlichen Mauerfall zu Wort kommen.

Heute : Dirk Löschner ( 42 ), Intendant des Theaters der Altmark

" In den Monaten vor dem Mauerfall trat das Groteske des Lebens in der DDR voll zu Tage : ‚ Hast Du schon gehört, Monika und Frank sind auch schon drüben. Meine Eltern haben gestern den Wartburg gepackt und sind los nach Ungarn. Bleibst du noch oder gehst du auch ?‘ Mit der Grenzöffnung in Ungarn hatte der ‚ antifaschistische Schutzwall ‘ seinen Schrecken verloren, die Geheimniskrämerei hatte ein Ende und die perfekte Maschinerie der Stasi wurde zum Koloss auf tönernen Füßen. Dass dieser um den 7. Oktober noch einmal seine Krallen zeigte, änderte nichts mehr : Die Kapitulation am 9. November war verdient jämmerlich. Die Monate nach dem Mauerfall zählen zu den aufregendsten meines Lebens. Ich war 23, Schauspielstudent, lebte in Berlin und das anscheinend vorgezeichnete Leben ließ plötzlich alle Möglichkeiten zu. Mit 23 ist solch eine Öffnung eine Offenbarung. Ich nutzte die Möglichkeiten, indem ich nach Abschluss des Studiums ein Studienjahr in Paris anhängte, Europa bereiste und eine Unmenge verschiedenster Menschen kennenlernte. Es folgten Jahre der Neuorientierung, das Finden eines eigenen Platzes in dieser neuen Gesellschaft, in der neuen Theaterwelt – eine Festigung, die natürlich mit einem Verlust an Flexibilität zu tun hat. So bleiben mir die Monate um den 9. November 1989 in bester Erinnerung : Solch ein Übermaß an neuen Eindrücken und Perspektiven in kürzester Zeit – das zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. "