Salzwedel. Der 17. August 1969 ist ein ganz besonderes Datum für die Altmark. An diesem Tag strömte erstmals altmärkisches Erdgas nach Magdeburg. 15 Jahre später versorgte das zweitgrößte europäische Kontinental-Erdgasfeld die halbe DDR. Bis heute wird gefördert. Einer der Erdgas-Pioniere ist der gebürtige Leipziger Siegfried Titus.

Im Salzwedeler Erdgasförderbetrieb hieß er " der Alte " : Von 1972 bis 1997 war Siegfried Titus Produktionsleiter. Das altmärkische Erdgasfeld kennt er aus dem Effeff und Geschichten so viele, dass man Tage auf seiner Ledercouch sitzen könnte. " Ich habe es nie bereut. Ich würde es wieder machen ", sagtTituszurückblickend auf seine aktive Bergmanns-Zeit.

Neun Lagerstätten hat er zwischen Thüringen und Usedom erschlossen. Seine praktische bergmännische Ausbildung hat er unter anderem im Fallstein ( Osterwieck / Harz ) und in Baschkirien, 300 Kilometer entfernt von Ufa, erhalten. " Ich war der erste Förderingenieur in der DDR ", so Titus. 1957 führte ihn die Arbeit das erste Mal in die Altmark. Zwischen Nettgau und Waddekath ist nach Erdöl gebohrt worden. Nicht ohne Grund. " Neidvoll schauten wir nach Westen. In Niedersachsen sprudelte das Erdöl. Wir fanden in bis zu 1500 Metern Tiefe nur Pampe. Die im Westen haben gepumpt und wir haben dumm guckt. " Fieberhaft sind in jenen Jahren Öl, Erdgas und andere Rohstoffe gesucht worden. 1966 legte die DDR-Regierung fest, dass in der Altmark wieder gebohrt werden soll. Nur tiefer als bislang – auf Ratschlag sowjetischer Experten. 1968 wurde man bei Salzwedel fündig. Fauchend bahnte sich Erdgas auf " Peckensen IV ", 800 Meter von Wistedt entfernt, den über 3000 Meter langen Weg durch das Fördergestänge. Der Druck betrug über 400 Bar. " Mehr als 600 000 Kubikmeter Erdgas am Tag ", betont Titus.

Der Generaldirektor des Erdöl-Erdgas Kombinats Gommern, zu dem das altmärkische Erdgasfeld gehörte, beorderte 1972 Titus von Usedom in die Altmark. Er wurde Produktionsleiter vom VEB Erdgasförderung Salzwedel, wie der Betrieb ab dem 1. Januar 1973 hieß. Zwischen 1968 und 1974 waren bereits 75 Förderbohrungen abgeteuft. Titus’ Aufgabe war es, einen Produktionsbetrieb aufzubauen, der eine sichere und dauerhafte Versorgung der Industrie mit dem altmärkischen Erdgas absicherte.

" Qualität und Sicherheit standen bei mir an erster Stelle ", betont Titus. So manchen Strauß habe er deswegen in der Anfangszeit ausfechten müssen. Zudem betraten die Ingenieure mit der Erschließung der 30 mal 40 Kilometer großen Lagerstätte Neuland. Immer wieder mussten Titus und sein Cheftechnologe Hartmut Spangenberg tüfteln. Titus selbst hält einige Patente.

Der politische Druck auf die Erdgaskumpel war immens. Immer mehr Förderbohrungen wurden abgeteuft. Zeitweise waren bis zu 16 Bohranlagen im Betrieb. Bis Anfang der 80 er Jahre wurde die Erdgasproduktion auf bis zu 9, 1 Milliarden Kubikmeter Jahresförderung hochgefahren. Laut Titus habe man damit noch im grünen Bereich gelegen. Doch der DDRRegierung reichte das nicht. Die Erdgasproduktion musste auf über 12 Milliarden Kubikmeter Jahresleistung hochgefahren werden. " Das war eine eindeutige physikalische Überbelastung der Lagerstätte ", so Titus. Die Folgen des Raubbaus ließen nicht lange auf sich warten. Bereits 1988 betrug die Förderquote nur noch 2, 2 Milliarden Kubikmeter – trotz eiliger neuer Förderbohrungen.

Titus erlebte noch die Wendezeit, den Verkauf des Betriebs, der bis zu 1100 Beschäftigte zählte, durch die Treuhand an Gaz de France. Für ihn ist es erstaunlich, dass noch heute Erdgas aus den Tiefen der Altmark strömt. " Für so ein Feld rechnet man mit einer Förderdauer von 25 Jahren. Jetzt sind es bereits 40 Jahre. Es ist phantastisch, was die Ingenieure leisten. Das ist Kunst ", sagt der Bergmann, der mit 61 Jahren in Rente ging. In den Worten des " Alten " schwingt auch ein bisschen Stolz mit. Sind doch jene Ingenieure unter seinen Fittichen ausgebildet worden.