Stendal steigt kirchenpolitisch auf : Die Stadt wurde als Sitz eines der fünf Regionalbischöfe ausgewählt, die in Zukunft Landesbischöfn Ilse Junkermann bei Betreuung und Verwaltung der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands zur Seite stehen werden. Mit Propst Christoph Hackbeil sprach Martin Rieß über dessen Pläne für seine Arbeit als Regionalbischof in Stendal.

Volksstimme : Offiziell werden Sie am Sonnabend ab 15. 30 Uhr mit einem Gottesdienst in der Stendaler Marienkirche in Ihr Amt eingeführt. Haben Sie sich vorher von Ihrer bisherigen Arbeit als Superintendent in Halberstadt erholen können ?

Christoph Hackbeil : Für Urlaub habe ich im Moment keine Zeit. Es ist sehr viel vorzubereiten. Am 30. Juni hatte ich in Halberstadt meinen letzten Arbeitstag. Am 1. Juli habe ich den Umzug in meine Zweitwohnung in Stendal bewerkstelligt. Ganz nebenbei muss das neue Büro am Westwall eingerichtet werden, ich muss Kontakte knüpfen, die ersten Arbeitsschwerpunkte festlegen – da ist sehr viel zu tun.

Volksstimme : Um Kontakte u knüpfen, bleibt zumindest bis zu Ihrer Amtseinführung nur wenig Zeit.

Hackbeil : Das stimmt sicher. Aber die Altmark – und damit auch Stendal – ist mir beileibe nicht unbekannt. Denn seit 1984 war ich Pfarrer in Mieste, später Superintendent im Kirchenkreis Gardelegen. Von dort stammt übrigens auch meine Frau. Da Gardelegen jedenfalls zum Kirchensprengel Altmark mit Sitz in Stendal gehörte, hatte ich schon des Öfteren hier zu tun.

" Die Menschen in der Altmark sind eng verbunden mit ihrer Kirche. "

Volksstimme : So ganz unsympathisch ist Ihnen also die Entscheidung, den Regionalbischof für den Propstsprengel in Stendal anzusiedeln, damit vielleicht doch nicht. Auf der anderen Seite verwundert das schon, denn Ihr Einsatzgebiet reicht immerhin von Seehausen im Landkreis Stendal bis hinein in den Landkreis Harz.

Hackbeil : Das stimmt. Aber da Magdeburg bereits Bischofssitz ist, sollte der Regionalbischof an einer anderen Stelle des Propstsprengels seinen Sitz bekommen. Und Stendal als größte Stadt im Norden des Gebiets bot sich durchaus an.

Volksstimme : Was unterscheidet die Altmark von den anderen Regionen ? Was reizt Sie an diesem Landstrich ?

Hackbeil : Zum einen sind die Menschen in der Altmark eng verbunden mit ihrer Kirche. Fast ein Viertel der Altmärker ist Mitglied in unserer Landeskirche. Das ist für Sachsen-Anhalt ein sehr hoher Anteil. Zum anderen gibt es hier an Kirchenkunst und Kirchenarchitektur sehr viel zu entdecken, was bislang eher im Verborgenen schlummert. Im vergangenen Jahr konnte ich bei der Neueröffnung des Halberstädter Domschatzes miterleben, wie der bewusste Umgang mit unseren Kulturgütern der kirchlichen Arbeit selbst Auftrieb verleihen kann. Bezeichnend ist für mich dabei der Abraham-Teppich in Halberstadt, eines der zentralen Stücke der Ausstellung : Abraham bewirtet da Fremde. Warum sollte das nicht für uns als evangelische Christen beispielgebend sein : offen und gastfreundlich auf andere Menschen zuzugehen ? Lohnenswert wäre es wohl in diesem Zusammenhang, die Kirchenhäuser nicht zuletzt an der Straße der Romanik noch mehr zu öffnen. Dabei müssen wir aber aufpassen, dass wir die Möglichkeiten unserer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht überstrapazieren.

Volksstimme : Trotz des hohen Anteils an evangelischen Christen in der Einwohnerschaft leidet auch die Kirche unter dem Wegzug von Menschen und daran, dass nur noch wenige Kinder geboren werden.

Hackbeil : Das ist vollkommen richtig. Auf diese Entwicklung müssen wir auch reagieren. Beispielsweise müssen die Strukturen der Kirche zu denen der Gemeinden passen. Und so wäre ein Ansatz, den Konfirmationsunterricht nicht nur interessant und zeitgemäß zu gestalten, sondern dort, wo nur wenige junge Leute leben, die Veranstaltungen für Konfirmanden mehrerer Gemeinden auch zu bündeln. In diesem Zusammenhang sehe ich den Erhalt der Begegnungsstätte in Zethlingen als sehr wichtig an. Eine besondere Herausforderung ist mit dem Altern der Gesellschaft andererseits aber auch der Umgang damit. Gerade für ältere Menschen bietet sich die Kirche nämlich als Kommunikationspunkt an, als soziale Anlaufstelle und Möglichkeit, einander zu begegnen.

Volksstimme : Das sind also einige Ideen dafür, wie der Kirchensprengel für die Zukunft gerüstet werden könnte. Neben dem Entwickeln von Visionen – was sind Ihre eigentlichen Aufgaben ?

Hackbeil : Ich führe den Titel Propst. Das bedeutet, dass ich mich um die Betreuung von Mitarbeitern kümmere. Das reicht von der Weiterbildung bis hin zur Beratung. Das bedeutet, dass ich neuen Pfarrern helfe und dass ich jene berate, die schon lange an einer Stelle sind. Ich freue mich, zukünftig die ehrenamtlichen Pfarrer, die Prädikanten, zu unterstützen. Als Regionalbischof vertrete ich Bischöfin Ilse Junkermann, die angesichts des riesigen Gebietes mit großen Teilen der Bundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen, aber auch Anteilen an Brandenburg und Sachsen nur einen Bruchteil der für uns evangelische Christen wichtigen Termine wahrnehmen kann. Wichtig ist aber auch, dass ich in die Gemeinden gehe, zu sogenannten Visitationen. Da habe ich die Möglichkeit, die Meinung der Menschen zu hören und sie nicht zuletzt in die Landeskirche weiterzutragen.

Volksstimme : Welche Termine sind es denn, bei denen Sie die Bischöfin besonders gern vertreten möchten ?

Hackbeil : Axel Noack, inzwischen verabschiedeter Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, hat sich beispielsweise für die Kirchenbauvereine eingesetzt. Organisationen also, in denen Christen und Nichtchristen sich gemeinsam um ihre Kirche im Dorf kümmern.

Volksstimme : Wie wollen Sie denn solche Vereine, deren Schwerpunkt ja oft das Sammeln von Spenden ist, unterstützen ?

Hackbeil : Als Regionalbischof verfüge ich nicht über ein eigenes Budget. Aber ich kann Mut zusprechen und die Hoffnung aus der Bibel weitertragen. Und ich kann natürlich Kontakte vermitteln, da ich in den Jahren als Superintendent in Gardelegen und später in Halberstadt unzählige Menschen kennengelernt habe. Ich möchte Menschen zusammenbringen, die Ideen haben.

Volksstimme : Wenn neue Strukturen aufgebaut werden, bleiben zuweilen die Konflikte mit den bestehenden nicht aus. Wie ist das mit dem neuen Amt des Regionalbischofs ?

Hackbeil : Bezogen auf Stendal möchte ich festhalten : Ich komme nicht mit fertigen Konzepten nach Stendal, die ich irgendwem überstülpen möchte. Ich möchte zuerst zuhören und mich dann an der Suche nach guten Lösungen beteiligen. Ich werde hier auch als Pfarrer tätig sein und möchte mit den Gemeinden und dem Kirchenkreis zusammenarbeiten.

" Wir haben ein wertvolles Gut einzubringen – Hoffnung für Gottes geliebte Welt "

Volksstimme : Nach Ihrer Wahl zum Regionalbischof haben Sie gesagt, dass Sie die Zusammenarbeit mit den Kommunen verbessern wollen. Was bedeutet das ?

Hackbeil : Die gegenseitige Unterstützung zu fördern. Wir verkörpern als Kirche eine moralische Instanz, die vermitteln und ausgleichen kann. In Halberstadt habe ich beispielsweise zwischen den Landkreisen Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode vermittelt, als es um die Fusion zum Harzkreis ging. Zwischen den Politikern waren seinerzeit die Positionen festgefahren. Ich aber hatte bereits die Kirchenkreisfusion hinter mir : Die des Kirchenkreises Halberstadt und natürlich vorher die Vorbereitungen zur Gründung des Kirchenkreises Salzwedel, als ich in Gardelegen war.

Volksstimme. Stichwort Politik. Hat die Kirche politische Aufgaben ?

Hackbeil : Ja. Das habe ich in meiner Zeit im Neuen Forum zur Wendezeit ebenso gelernt wie beim kirchlichen Engagement gegen Rechtsextremismus. Bürgerdemokratie und eine tolerante Gesellschaft – daran müssen wir weiter mitarbeiten. Wenngleich wir uns nicht ins politische Tagesgeschäft einmischen sollten. Aber wir haben ein wertvolles Gut in die Gesellschaft einzubringen – Hoffnung für Gottes geliebte Welt.