Im Rahmen der Gemeinschaftsaktion der Volksstimme und des Kreisverbands der Gartenfreunde stellen wir in loser Reihenfolge Kleingärtner vor, die dafür sorgen, dass ihre Vereinsanlagen zu preisverdächtigen Objekten werden. So gesehen, sprengt der heutige Beitrag den Wettbewerbsrahmen. Dass er dennoch in dieser Serie seinen Platz bekam, ist den in ihm handelnden Personen zu danken. Sie gehen ihrem Hobby im Kleingärtnerverein Südost nach, in dem Integration gelebt wird.

Stendal. Früher waren sie Mitglied im Kleingartenverein " Südost ". Aber da Gärten keine juristischen Personen sein können, musste die " Südostler " sich in Kleingärtnerverein umbenennen. Eine der kleinen Episoden, die Vereinsvorsitzender Heinz Wind während des Vereinsfests am Sonnabend schmunzelnd zum Besten gibt. Was soll’s. Der Name ist nicht so wichtig. Der Zusammenhalt sei es, auf den es ankomme. Feste wie dieses sind dann so etwas wie die Elle, mit der man messen kann, wie gesund ein Verein ist.

Ein Blick in die Runde unter den mit Luftballons geschmückten Pavillons, über die Tische vorm Vereinshaus, an denen kaum ein Platz frei ist, und in die Gesichter der Feiernden genügt, um dem Kleingärtnerverein " Südost " ein Gesundheitszeugnis erster Güte auszustellen.

Das Schöne an dieser Momentaufnahme : Man könnte sie in vielen der 64 Vereine des Stendaler Kreisverbands der Gartenfreunde machen.

Das Besondere an ihr : Etwa die Hälfte der rund 130 feiernden Gartenfreunde von " Südost " ist nicht in Deutschland geboren. Aus Kasachstan, Kirgisistan oder auch Sibirien kamen sie in die Heimat ihrer Vorfahren.

Die Hälfte der Kleingärtnerfamilien, die hier am südöstlichen Stadtrand ihren Traum vom eigenen Garten leben, sind Aussiedler.

" Das hat sich so ergeben ", sagt Heinz Wind. Mit der Wende war das Kleingärtnern für einige er alten Vereinsmitglieder plötzlich nicht mehr attraktiv. Neue Möglichkeiten, neue Hobbys wollten erschlossen sein. Andere zogen gen Westen, wieder andere der Arbeit hinterher. Kurz : So manche Kleingartenparzelle stand leer. Dann kamen die ersten Aussiedler, fragten, ob sie einen Garten bekommen könnten. Warum nicht ?

" Ist doch schön, wenn man das wieder haben kann "

Der Rest sei " Mundpropaganda " gewesen, sagt der Vereinsvorsitzende. Für die sorgte zum Beispiel Michael Bella.

1993 kam er aus Kasachstan ins thüringische Massaberg, zwei Jahre später ins altmärkische Stendal. " Wir wollten wieder einen Garten haben ", begründet Bella, warum er sich mit zwei weiteren Aussiedlern auf die Suche machte und auch bei " Südost " anklopfte. " Hier konnten wir so ein kleines Stück bekommen, die Familie Fuchs und ich mit meiner Frau. Ein dritter, der Herr Schmidt, sprang wieder ab. "

Dafür sprangen andere im Lauf der Jahre auf. 41 der 84 Parzellen des Vereins werden heute von Mitgliedern wie Michael Bella bewirtschaftet.

" Wissen sie, die meisten von uns kommen aus dörflichen Gegenden. Da hatte jeder seinen Garten hinterm Haus. Ist doch schön, wenn man das auch in der neuen Heimat wieder haben kann ", sagt Michael Bella. Es ist aus jedem seiner Worte herauszuhören, wie wichtig ihm dieses Stück Heimatverständnis ist. " Erde liebt Menschen, und ich liebe meinen Garten ", sagt Bella.

Dass dieser Garten wie alle in der Vereinsanlage " Südost " weder Strom noch eine zentrale Wasserversorgung hat, stört den rüstigen Rentner nicht. " Den Brunnen habe ich mir selbst gegraben. Und das Pumpen ? Immer so eine halbe Stunde, dann ist es gut. Das hält gesund und macht Muskeln ", sagt er, lacht und lässt dabei die Hand fach auf den kräftigen Oberarm fallen.

" Solche Männer wie den Michael hätten wir gern mehr ", sagt Vorstandsmitglied Ute Hennig. Dabei meint sie weniger die sportliche Erscheinung ihres Kleingärtner-Kollegen, sondern die Tatsache, dass Bella Ansprechpartner ist, falls es doch einmal Verständigungsprobleme gibt. Nicht nur mit der Sprache hapert’s bei manchen der neueren Kleingartenfreude noch, auch die Mentalitäten der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen will verstanden und akzeptiert sein. Michael Bella ist einer, der gern hilft, die Brücken, die es dafür braucht, zu bauen. So musste er auch nicht lange überlegen, als ihn Heinz Wind fragte, ob er nicht im Vereinsvorstand mitmachen will. 2006 war das. " Auch schon wieder drei Jahre her ", sagt Bella mit fragendem Unterton, als könne er es selbst kaum glauben.

" So gehen wir immer ein Stück enger zusammen "

Und da er einmal bei den Zahlen ist : " 13 Jahre schon haben wir unseren Garten hier. Die Frau macht die Blumen, ich bin für die Bäume und so zuständig. Meinen Kirschbaum zum Beispiel, den habe ich vor zehn Jahren gepflanzt. Oh Mann, hängt der in diesem Jahr voll ! Und die Quitte, die ist erst zwei Jahre alt und trägt jetzt auch schon. "

Die Freuden eines Kleingärtners sind universell – egal ob er in Kasachstan oder der Altmark geboren ist. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum Integration im Kleingartenverein " Südost " kein Fremdwort ist, obwohl niemand dieses Wort bewusst in dem Mund nimmt. Michael Bella sagt es mit seinen Worten : " Ich habe kein Problem mit den Einheimischen. Sie sind sehr freundlich, nehmen uns, wie wir sind. Und die Leute im Vorstand gehen auf uns zu, verstehen uns auch. So gehen wir immer ein Stück enger zusammen. Das ist gut. "