Der Einladung der Evangelischen Stadtgemeinde zur ersten alternativen Domführung waren am Mittwoch rund 50 Interessenten gefolgt. Architekt Jan Bodenstein und Pfarrer Joachim Kähler zeigten den Besuchern jeden Winkel des Domstiftes und machten mit den Sanierungs- und Neubauplänen bekannt.

Stendal. Orgel, Lettner, Chorgestühl, Altar und der Bilder- und Farbenrausch der Fenster – diese Seiten von St. Nikolaus kannte nahezu jeder der 50 Besucher, die sich am späten Mittwochnachmittag an der Turmfront des Doms eingefunden hatten. Aber Kapitel- und Cordatussaal, Kreuzgangflügel, Lutherzimmer oder gar das Archiv ganz oben unterm Dach – diese Teile des Domensembles hatten bisher noch nicht viele gesehen. Die Stadtgemeinde, die mehr und mehr auf breite öffentliche Akzeptanz ihrer Sanierungs- und Umbaupläne setzt, öffnete die Stiftsräume erstmalig für Besucher. Pfarrer Joachim Kähler und der mit den Planungen beauftragte Seehäuser Architekt Jan Bodenstein führten kenntnisreich und informativ mehr in die Zukunft als in die Vergangenheit des historischen Gemäuers.

Schon der Eintritt in die Kathedrale durch die Brautpforte neben dem südlichen Turm war für manchen neu und ungewöhnlich. So begann der Rundgang an der Nordseite des Kreuzganggevierts, die, weil der Stendaler Dom keinen vollständigen Kreuzgang besitzt und nach Erkenntnissen der Bauforschung auch nie besaß, vom südlichen Seitenschiff des Gotteshauses gebildet wird. Die Ostseite wird vom Kapitelsaal begrenzt, die Südseite von einem Kreuzgangflügel im klassischen Sinne, und der Westflügel zur Straße hin existiert nicht mehr seit den Bombardements im Zweiten Weltkrieg. Die seitdem den Hof abschließende Feldsteinmauer ist im Zuge der Sanierungsarbeiten der Stiftsgebäude schon teilweise eingerissen worden und soll künftig einem modernen Neubau Platz machen.

Diese Planungen Bodensteins, in den zurückliegenden Monaten heftig diskutiert und seitdem mehrfach geändert, interessierten die Besucher in besonderem Maße. Der Neubau wird als neun Meter breiter Riegel in modernen Formen die Turmfront mit dem südlichen Kreuzgangflügel verbinden. Das zweistöckige Gebäude, so erklärte der Architekt, wird im Erdgeschoss an der Hofseite einen verglasten Arkadengang haben, der einen interessanten Kontrast zu den alten Sandsteinarkaden der Südseite bilden dürfte. Bodenstein versicherte, dass die bei der Bombardierung stehengebliebene prächtige gotische Wand des Südflügels erhalten bleibt und in die Gestaltung der neuen Räume einbezogen wird.

Während der Neubau noch Zukunftsmusik ist, konnten die Besucher den Fortschritt der Sanierungsarbeiten am historischen Bestand der Stiftsgebäude schon in Augenschein nehmen. Und sie hatten Glück : Kurz vor ihrem Rundgang war die nachträglich eingezogene Trennwand zwischen Kapitelsaal und Treppenhaus entfernt worden. Der neue Eindruck des ohnehin schönen gotischen Raumes ist überwältigend, nachdem die Einheit des weiten Gewölbes wiederhergestellt ist. Wenn Heizung und neuer Fußboden drin sind, wird der zweischiffige Saal zur Winterkirche gestaltet, deren variable Bestuhlung sowohl für Gottesdienste als auch für Seminare nutzbar sein wird.

In die Sanierung werden auch die Archivräume ganz oben im Dachgeschoss einbezogen. Die hier versteckte Dombibliothek, wertvoll und aus mehreren Jahrhunderten stammend, zurzeit ausgelagert, wird nach dem Einbau von Klima- und Brandschutztechnik wieder einziehen – und dann vielleicht etwas stärker öffentlich präsent sein.

Die nächste alternative Domführung kündigte Pfarrer Joachim Kähler für den 7. Juni an.