Der Belagerungszustand diverser Fernseh- und Rundfunkteams am Altmark-Klinikum war nach 24 Stunden gestern Nachmittag beendet. Aufatmen nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in Gardelegen selbst. Der Verdacht, dass eine Krankenschwester der Intensivstation Patienten getötet haben könnte, hatte gestern deutschlandweit für Schlagzeilen und viele Diskussionen in der Region gesorgt.

Gardelegen. Krisenmanagement im Altmark-Klinikum Gardelegen. Am Mittwoch wurde auf einer Pressekonferenz bekannt, dass während der Dienstschichten einer Schwester der Intensivstation verstärkt Todesfälle auftraten. Mitarbeiter der Intensivstation hatten dies registriert und die Klinikleitung informiert, die daraufhin Mitte Februar die Polizei einschaltete ( wir berichteten gestern ). Rechtsmediziner aus Hannover haben vorgeschlagen, 15 Todesfälle aus diesem Jahr näher zu untersuchen. Elf der Verstorbenen wurden eingeäschert, weshalb auf Antrag der Staatsanwaltschaft vier Tote exhumiert werden.

Die rund 250 Mitarbeiter des Klinikums sind über die Geschäftsführung sowie die Chefund Stationsärzte wenige Stunden vor der Pressekonferenz in Magdeburg über den Verdacht und die Ermittlungen informiert worden. " Die Betroffenheit ist groß ", erklärte gestern Dr. Michael Schoof, Ärztlicher Direktor des Altmark-Klinikums.

Nicht nur bei den Mitarbeitern, sondern auch bei den Angehörigen und bei den Patienten. Deswegen biete das Klinikum bis auf weiteres eine Telefon-Hotline. Zwischen 8 und 16 Uhr werden unter ( 0 39 31 ) 68 53 33 Fragen beantwortet und – wenn gewünscht – Gesprächstermine mit dem weit über Gardelegen hinaus bekannten Dr. Hans-Joachim Becker, bis Ende 2008 Ärztlicher Direktor in Gardelegen, vermittelt. Gestern ist zweimal von dieser Hotline Gebrauch gemacht worden, sagte Klinikum-Sprecherin Doreen Lahl-Mollenhauer.

Und auch bei den gestrigen Visiten im Klinikum war der Fall Gesprächsthema. " Viele Patienten haben das Gespräch gesucht ", sagte Dr. Schoof. Und viele hätten sich solidarisch mit der Klinik gezeigt und sich für die gute Betreuung bedankt. Auf der Intensivstation selbst habe es ein Team-Treffen der 20 Mitarbeiter gegeben. " Der Druck bei den Schwestern ist gewaltig ", erklärte Pflegedirektorin Annedore Dierksen. Ein Psychologe und der Krankenseelsorger Albrecht Warweg stehen jetzt nicht nur für die Krankenhausmitarbeiter, sondern auch für Patienten und die Angehörigen der betroffenen Familien bereit, sagte Axel Burghardt, Geschäftsführer des Altmark-Klinikums. Er betonte gestern, dass es richtig gewesen sei, sich im Februar an die Polizei gewandt zu haben. Unverständlich für ihn ist aber, was überregionale Medien aus dem Anfangsverdacht gemacht haben.

Auch Landrat Michael Ziche, Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums, billigt das Vorgehen der Geschäftsführung. Er sei von Anfang an informiert gewesen, erklärte er gestern. Der Aufsichtsrat sei ebenfalls informiert worden. Nunmehr gelte es, die Ermittlungen der Polizei abzuwarten, so Ziche.

Nach dem deutschlandweiten Medienrummel wegen der Todesfälle auf der Intensivstation des Gardeleger Altmark-Klinikums reagierte Bürgermeister Konrad Fuchs gestern höchst verärgert. Nach der Krisensitzung des Aufsichtsrates am Dienstag wollte er sich zu Einzelheiten überhaupt nicht äußern. Nach dem gestrigen Medienecho indes müsse dazu etwas gesagt werden, so Fuchs gestern. Dass die Staatsanwaltschaft zum jetzigen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gegangen sei, könne nicht toleriert werden. Der Schaden für die Stadt Gardelegen, für das Klinikum und für die Krankenschwester sei derzeit überhaupt noch nicht zu übersehen. " Es gilt doch immer noch erst einmal die Unschuldsvermutung. Man kann doch nicht gleich jemanden anprangern. Man muss die Betroffenen doch vorsichtshalber schützen. Im Moment haben die Vorwürfe doch keinerlei Substanz ", betonte Fuchs. Alles sei derzeit nur mit Fragezeichen versehen. " Man hätte erstmal abwarten müssen. So hat das alles mit Rechtsstaatlichkeit überhaupt nichts mehr zu tun ", stellte Fuchs klar. Die Handlungsweise der Klinikleitung sei korrekt gewesen. " Es gab eine statistische Größe, die stutzig gemacht hat und logisch nicht zu erklären war. Die Übergabe der Angelegenheit an die Staatsanwaltschaft war in Ordnung ", betonte Fuchs. Das betreffe ebenso die Ermittlungen und die Anordnung der vier Exhumierungen. " Die Ergebnisse der Obduktion hätte man aber abwarten müssen ", sagte Fuchs. Jetzt jedoch werden die Stadt, das Krankenhaus und die Krankenschwester öffentlich an den Pranger gestellt.

Ähnlich sieht das auch Andreas Finger, als Mitarbeiter der AOK-Geschäftsstelle Gardelegen zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. " Ich sage meine Meinung nicht als AOK-Mann, sondern als Privatmann. Ich denke in allererster Linie an die Krankenschwester, an den hohen Druck, dem sie ausgesetzt ist, obwohl noch gar nicht bewiesen ist, wie die Fälle tatsächlich zu bewerten sind ", sagte Finger.

Dass die Leitung des Altmark-Klinikums angesichts der Häufung von Todesfällen stutzte und eine Prüfung veranlasste, sei grundsätzlich in Ordnung, sagte auch Sabine Spangenberg. Die Vorsitzende des Salzwedeler Hospizvereins warnte jedoch eindringlich vor einer Vorverurteilung. Es sei schließlich noch gar nichts bewiesen. Sorgen bereite ihr auch, dass die Berichterstattung in den Medien zu einem Vertrauensverlust gegenüber dem Krankenhaus führen könne. Sie wünsche sich, die Medien würden sich bis zur Klärung des Sachverhalts zurückhalten.

Annemarie und Knut Stern aus Haldensleben zeigten sich betroffen von der Berichterstattung. " Wenn diese Schwester unschuldig ist, ist sie nur zu bedauern. Ich finde, man sollte in solchen Fällen immer erst dann an die Öffentlichkeit gehen, wenn es eindeutige Beweise gibt. Diese schweren Vorwürfe werden ja nun immer an der Frau haften bleiben, egal ob schuldig oder nicht ", so die 67-jährige Annemarie Stern.

" Ich wurde im Altmark-Klinikum immer sehr anständig behandelt, ich kann mich wirklich nicht beklagen. Ärzte wie Schwestern haben auch stets meinen Wünschen entsprochen. Die aktuellen Verdächtigungen stellen das ganze Krankenhaus in ein falsches Licht ", äußerte sich gestern die 84-jährige Gardelegerin Helga Michaelis. Detlef Wandray hingegen denkt an die Schwierigkeiten des Krankenschwesterberufes : " Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, und die Schwester hat vielleicht sogar Sterbehilfe geleistet, finde ich ihr Verhalten einigermaßen nachvollziehbar. Sterbehilfe sollte erlaubt sein ", so der 43-jährige Gardeleger. " Irgendetwas wird dran sein an den Verdächtigungen ", findet Bärbel Düchting ( 22 ). " Ich hoffe, dass sich die Anschuldigungen als falsch herausstellen. Denn, um ehrlich zu sein, hätte ich derzeit Angst, als Patient auf die Gardeleger Intensivstation eingeliefert zu werden. Besonders hart trifft es jetzt natürlich die Angehörigen der Toten, die exhumiert werden müssen. Hoffentlich wird die Sache schnell geklärt ", sagte gestern die 26-jährige Bianka Gerlt aus Gardelegen.