Im August könnte die größte Flussrenaturierung Europas starten : Bis 2019 sollen rund 25 Millionen Euro investiert werden, um der Havel auf rund 90 Kilometern Länge zwischen Elbemündung und dem brandenburgischen Pritzerbe wieder mehr Natur und Freiheit zu geben. Gestern informierten sich Mitglieder vom Umweltausschuss des Bundestags über das Vorhaben, in das Geld des Bundes, der Länder Sachsen-Anhalt und Brandenburg sowie des Naturschutzbundes ( Nabu ) fließen.

Havelberg. Ein volles Boot hatte der Strodehner Fischer Wolfgang Schröder, als er gestern morgen von Havelberg rund 17 Kilometer flussaufwärts schipperte. Dichtgedrängt saßen unter anderem Umweltministerin Petra Wernicke ( CDU ), Landrat Jörg Hellmuth ( CDU ), der brandenburgische Staatssekretär Dietmar Schulze ( SPD ) und Bundestagsabgeordnete ( MdB ) wie der Stendaler Marko Mühlstein ( SPD ) und Undine Kurth ( Die Grünen ) aus Quedlinburg einmütig zusammen. Mittendrin Rocco Buchta, Projektleiter der Havel-Renaturierung. Grauer Himmel und leichter Nieselregen störten ihn nicht, als er über sein Großprojekt sprach.

Auf 28 Kilometern Länge soll die Havel von den Steinpackungen am Ufer befreit werden. 24 Altarme sollen künftig vom Havelwasser durchströmt werden. Zudem sollen Verwallungen am Ufer – einst durch das ständige Ausbaggern des Flusses entstanden – verschwinden. Denn diese Wälle, zwischen 30 Zentimetern und einem Meter hoch, verhindern, dass Hochwasser wieder von den Wiesen entlang der Havel ablaufen kann. " Der Boden wird sauer und die Fischbrut verreckt ", erklärte Buchta. Des Weiteren sollen vier Sommerdeiche geöffnet, eine Fischtreppe bei Rathenow gebaut und bis zu 250 Hektar Auen- und Uferwald neugeschaffen werden. Seit mehreren Jahren wird an der Vorplanung gearbeitet. Anfang August könnte der Bewilligungsbescheid für Phase zwei vorliegen. Dann wäre der Weg für erste Genehmigungsverfahren frei. Klappt alles, beginnen im nächsten Jahr die ersten Renaturierungsarbeiten.

" Wir brauchen solche leistungsfähigen Naturräume "

" Ein tolles Projekt. Das ist gut angelegtes Geld ", schwärmte MdB Petra Bierwirth ( SPD ), Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestags. " Angesichts der Klimaentwicklung brauchen wir zukünftig solche leistungsfähigen Naturräume ", schätzte Undine Kurth ein. Wichtig sei nur, dass " sich jetzt alle an die Absprachen halten und die Termine einhalten. " Das sieht auch Marko Mühlstein nicht anders. " Ich hoffe, dass bis 2015, bis zur Buga in Havelberg, die ersten Projekte fertig sind. " Am morgigen Mittwoch will sich der Ausschuss fraktionsübergreifend zur Havel-Renaturierung positionieren. Ein politischer Appell aus Berlin an die Region und die am Großprojekt beteiligten Behörden.

In den vergangenen vier Jahren sind zwischen Havelberg und Rathenow dicke Bretter gebohrt worden. Große Skepsis schlug dem Projekt entgegen, für das der damalige Bundes-Umweltminister Jürgen Trittin höchstpersönlich den Fördermittelbescheid an den Projektträger, dem Nabu, überreichte. Sachsen-Anhalt hat keinen geringen Anteil daran, dass es überhaupt soweit kam. In den zwei Tagen vor dem Trittin-Besuch liefen die Telefondrähte zwischen Magdeburg und Berlin heiß, weil der damalige Bundes-Verkehrsminister Manfred Stolpe Zweifel hegte. Auch der Vorschlag aus dem Magdeburger Verkehrsministerium, ein Regionales Entwicklungskonzept zu erstellen, beförderte das Renaturierungsprojekt, das sich über Brandenburg und Sachsen-Anhalt erstreckt. Und gestern bedankte sich Buchta beim Umweltministerium für die bisherige Unterstützung.

Auch in der Region galt es, Klinken zu putzen. Landwirte, Fischer, Schiffer und Werftbesitzer hatten große Skepsis. " Es hat sich gezeigt, wie wichtig der Dialog ist ", sagte gestern Dietmar Schulze, Staatssekretär im brandenburgischen Umweltministerium. Bis August ist noch einiges zu tun. Die Feinabstimmungen mit dem Bundesschifffahrtsamt laufen beispielsweise noch. Immerhin sollen auch nach 2019 die 70 Meter langen Fahrgastschiffe auf der Havel schippern können und soll die Havel eigentlich auch als Notfallstrecke in Richtung Berlin dienen, sollte es einmal auf dem Elbe-Havel-Kanal eine Havarie geben. Auch deswegen ist für Umweltministerin Petra Wernicke die Havel-Renaturierung " eine große Herausforderung, aber auch eine große touristische Chance für Havelberg ".