Die " Königin der Funde ", das in der Hallstraße entdeckte Kölner Pilgerzeichen aus dem 12. / 13. Jahrhundert, hat das Archäologenteam um Andreas Neubert nicht gerade unglücklich gemacht. Doch sie treten nicht in erster Linie an, um Spektakuläres zu fi nden. Ihnen geht es um die Vervollständigung des Mosaiks der Stendaler Stadtgeschichte.

Stendal. " Das Gold von Stendal ist das Holz. " Wenn Andreas Neubert, Grabungsleiter in Stendal in den Jahren 2007 und 2008, einen solchen Satz sagt, dann meint er ihn alles andere als abfällig. So hatte er seinen Vortrag am Donnerstag in der Katharinenkirche, in dem er die Grabungsergebnisse dieser zwei Jahre in der Altstadt zusammenfasste, mit " Auf dem Holzweg …" überschrieben. Denn die Stendaler wandeln immer noch auf Holzwegen, wenn sie durch die alten Straßen gehen. Kaum einen Meter unter dem heutigen Pflaster liegen zum Teil großflächige Reste der mit Holzbohlen befestigten mittelalterlichen Straßen.

Dieses, in früheren Jahren bereits an Funden in der Breiten Straße festgemachte wichtige Detail der frühen Stadtentwicklung, wurde bei den straßenbaubegleitetenden Grabungen in der Hohen Bude und in der Hallstraße eindrucksvoll bestätigt. Und da das Holz im feuchten Milieu des Stendaler Untergrunds zum Teil bestens konserviert ist, hat die Dendrochronologie ein relativ leichtes Spiel. Mit Hilfe dieses Verfahrens kann an den Jahresringen nahezu exakt das Jahr bestimmt werden, in dem der Baum geschlagen wurde.

Schon um 1120, also einige Jahrzehnte vor der Verleihung des Marktrechts durch Albrecht den Bären um 1160, muss es die ersten mit Holz gepfl asterten Straßen in Stendal gegeben haben. Einen regelrechten Bauboom schließt das Archäologenteam um Andreas Neubert aus den zahlreichen Funden, die in die Jahre zwischen 1150 und 1190 zurückdatiert werden konnten.

Völlig unterschiedlich konstruiert, aber fast gleichzeitig angelegt wurden zwei Brunnen : der viereckige Kastenbrunnen, der in der Hohen Bude entdeckt wurde, und der aus einem Baumstamm geschnittene Röhrenbrunnen in der Hallstraße. Die Untersuchung ihres Holzes lässt eindeutig auf die Jahre 1212 beziehungsweise 1201 schließen. Kräftige, noch heute bis zu 1, 70 Meter lange Holzpfähle, die senkrecht im Boden stecken, deutet Neubert als Reste der Überbrückung eines früheren Uchtearms in der Kleinen Hallstraße, die aus dem 15. Jahrhundert stammen.

Holz, immer wieder Holz bringt der feuchte Untergrund aus der Frühzeit der Stadt zu Tage. Darunter auch die vielleicht älteste Stendaler Latrinenabdeckung in der Hallstraße. Leider war das Brett zu dünn, um sein Ursprungsjahr festzustellen, bedauerte der Archäologe.

Glas- und Keramikscherben, Nahrungsabfälle in Form von Tierknochen, aus Knochen gefertigte Kämme und Knöpfe und häufig Lederreste – das sind die Zeugnisse ihres Alltagslebens, die uns die Stendaler des Mittelalters hinterlassen haben. Und hin und wieder gibt der Boden etwas Spektakuläres frei wie das Kölner Pilgerzeichen aus der Kleinen Hallstraße. Inzwischen vorsichtig restauriert, gebe es positive Zeichen aus Halle, dass diese " Königin der Funde " nach Stendal zurückkommt, sagte Bärbel Hornemann von der unteren Denkmalbehörde am Donnerstag in der Katharinenkirche.