Hat der Arzt in der Notfallaufnahme des Johanniter-Krankenhauses falsch entschieden, als er eine Frau mit ihrem verletzten Sohn ohne medizinische Begleitung nach Magdeburg schickte ? Kerstin Schenk aus Lüderitz meint : ja. Aus Sicht der Klinikleitung hat der Arzt korrekt gehandelt.

Stendal. Als Mutter stand Kerstin Schenk genauso unter Schock wie ihr verletzter Sohn. Steffen war am 5. April vor einer Disko brutal zusammengeschlagen worden. " Er blutete stark aus dem Mund und hatte Schmerzen im gesamten Kopfbereich ", schildert die Lüderitzerin den Zustand des 18-Jährigen. Gegen 4 Uhr morgens fuhr sie ihn mit dem eigenen Auto in die Notfallaufnahme des Johanniter-Krankenhauses.

Der diensthabende Arzt ließ den jungen Mann röntgen und diagnostizierte einen mehrfachen Kieferbruch. Da die Stendaler Klinik über keine Kieferchirurgie verfügt, kam als Alternative die Uni-Klinik in Magdeburg in Frage. " Der Arzt fragte, ob wir mit dem Auto da wären, und schickte uns nach Magdeburg ", berichtet Kerstin Schenk weiter. Da sie selbst unter Schock gestanden habe und nur an schnelle Hilfe für ihren Sohn dachte, sei sie, ohne weiter darüber nachzudenken, sofort losgefahren.

Unterwegs sei ihr Sohn immer schwächer geworden, für die starke Blutung habe er nur ein paar Spucktücher mitbekommen. Kerstin Schenk : " Er fiel mit dem Kopf auf das Armaturenbrett und verlor teilweise das Bewusstsein. Die Fahrt war die Hölle. "

In Magdeburg sei ihr Sohn sofort stabilisiert und die Blutung gestillt worden. Die Ärztin in der dortigen Aufnahme, schildert Kerstin Schenk, " konnte es absolut nicht verstehen, dass bei einer solch schweren Verletzung mit starken Blutungen kein Krankentransport vom Johanniter-Krankenhaus gestellt wurde ". " Mein Sohn hätte im schlimmsten Fall ins Koma fallen können ", sagt sie.

Auch wenn bei jeder Verlegung ein Restrisiko bleibe, sei die Fahrt mit der Mutter nach Magdeburg zu verantworten gewesen. Das sagt der Ärztliche Direktor des Johanniter-Krankenhauses, Prof. Dr. Ulrich Nellessen, nach Rücksprache mit dem diensthabenden Unfallchirurgen der Volksstimme. Eine Verblutung sei aus ärztlicher Sicht ausgeschlossen gewesen. Eine Fahrt mit Notarztbegleitung sei nur in absolut dringenden Fällen möglich. Der junge Mann sei völlig stabil gewesen. Nellessen : " Trotzdem habe ich volles Verständnis für die Mutter. "

Steffen Schenk, inzwischen zweimal operiert, ist vorgestern aus der Uni-Klinik entlassen worden.