Das ganze Leben ist Spektakel, ist Theater. " Wir sind Theater. " Diese Botschaft des brasilianischen Regisseurs Augusto Boal zum gestrigen Welttheatertag nahm das Ensemble des Theaters der Altmark wörtlich und strömte aus in die Stadt, um sie an elf Stationen den Stendalern zu vermitteln. Im Gepäck hatten sie Texte von und über Heinrich von Kleist.

Stendal. Ein Genie war er, aber ein schwieriges, dieser Heinrich von Kleist ( 1777-1810 ), der in dieser Spielzeit mit einem Lust- ( Der zerbrochene Krug ) und einem Trauerspiel ( Penthesilea ) auf den Bühnen des Theaters der Altmark vertreten ist. Zeitgenossen lobten seine suggestive Sprachkraft und mäkelten an seinem ernsten, oft bitteren Wesen herum, das jedoch bei heiterer Stimmung auch freundlich und unterhaltend sein konnte. Aber als wahr und aufrichtig schilderten sie ihn alle.

Mit kräftiger Stimme und dem notwendigen Maß an Pathos brachte Schauspieler Marcel Hoffmann gestern auf dem Marktplatz vor dem Hofl aden von Carola Garlipp Kunden und anderen Passanten die zerrissene Persönlichkeit der märkischen Dichtergröße nahe. Einige blieben stehen, andere schlugen einen weiten Bogen, hatten wohl Angst, in das Spektakel einbezogen zu werden.

Doch Berührungsängste waren völlig überflüssig, als gestern Theaterleute ausströmten, um die Stendaler an elf Orten mit Kleist bekanntzumachen. Im voll besetzten Sitzungssaal des Rathauses hieß Oberbürgermeister Klaus Schmotz die Akteure aus dem, wie er sagte, " schönsten Theater der Altmark der Welt " willkommen. Raphaela Crossey und Jana Gwosdek, die dann am Abend zum letzten Mal als Amazonen in " Penthesilea " brillierten, lasen wechselseitig Kleist-Texte, etwa über " die höhere Kritik " an der Kunst oder den Zusammenhang zwischen Reichtum, Armut und Glück, die von der ausgefeilten Sprachkultur des Dichters zeugten. " Eine tolle Idee ", fand Hauptamtsleiter Rüdiger Hell, " auch wenn man den Sinn der Texte wohl erst richtig erfassen kann, wenn man sie nachliest. "

Das sei niemandem verwehrt. Leichtere Kleist-Kost servierten Frederike Duggen und Andreas Schirra im Schaufenster der Buchhandlung Genz. Humorvolle Anekdoten konnte der Dramatiker also auch schreiben, stellte so mancher der Zuhörer für sich fest. Eine in Kurzform : Dame mit Schönheitspfl ästerchen links über der Oberlippe verschwindet im Behandlungszimmer des Arztes. Als sie wieder herauskommt, hat der Doktor das Pflästerchen über der Oberlippe – rechts. Buchhandlungskundin Cornelia Kühn, die gestern gezielt zur angekündigten Theaterzeit ihre Bestellung abholte, amüsierte sich prächtig : " Ich bin begeistert, so etwas müsste das Theater öfter machen ", und regte gleich fürs nächste Mal an : " Die Schauspieler könnten sich auch mal ins Schaufenster setzen und zur Straße hinaus spielen. "

" Das Theater haben wir nicht alle Tage bei uns, das ist mal eine schöne Abwechslung ", freute sich Daniel Lusznat, Inhaber des Dentallabors Flemming in der Bahnhofstraße, über den Auftritt von Reinhard Riecke und David Prosenc. Die brachten den 20 Mitarbeitern geistreiche kleistsche Überlegungen " Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden " zu Gehör. Schon Kleist hat es gewusst : Mancher fängt dreist an zu quatschen, ohne eine Ahnung zu haben, wo die Rede hinführen soll.

Der Dichter beklagte manchmal, es fehle ihm an einem verständnisvollen Publikum. In diesen Kanon stimmte Marcel Hoffmann nach drei Auftritten nicht ein : " Mir heute nicht. "