" Brafo " – diese vier Buchstaben stehen für ein Projekt, das Schülern bereits in der 7. Klasse die Chance gibt, sich in Sachen spätere Berufswahl frühzeitig zu orientieren. 450 Mädchen und Jungen aus allen Sekundarschulen im Landkreis sind darin einbezogen. Den Auftakt bilden vier berufsorientierende Tage in den Ausbildungsstätten der BBA " Altmark ".

Stendal. Eine überdimensionale Werkbank, rund und mit einem halben Dutzend Schraubstöcke ausgestattet. An einem von ihnen steht Michael Schubert. Der Blondschopf im blauen Arbeitskittel nimmt einen silbrig-glänzenden Metallwürfel, spannt ihn ein. Eike Horn, Ausbilder im Metallbereich des Gewerblichen Bildungszentrums der Berufsbildungsakademie

( BBA ) " Altmark ", beobachtet jeden der Handgriffe des Jungen, gibt Tipps, zeigt, wie die Feile geführt werden muss, wie sie anzusetzen ist, um eine Fläche plan zu feilen oder die Kanten zu brechen.

Eine Szene, wie sie jeder Metallbauer aus den ersten Tagen seiner Lehrausbildung kennt. Allerdings ist Michael kein Metallbauer-Azubi, will es auch nicht werden. " Ich hab ‘ bestimmt nicht zum letzten Mal eine Feile in der Hand gehabt. Das macht schon Spaß. Aber ein Beruf für mich wär ‘ s nicht. Ich würde gern Bürokaufmann werden. Das fi nde ich interessant. "

Es ist nicht die Regel, dass ein 13-J ähriger schon so konkrete Vorstellungen in Sachen Berufswahl hat. Außergewöhnlich ist es für Michael und die anderen rund 60 Mädchen und Jungen aus den 7. Klassen der Stendaler Comeniusschule dennoch nicht. Sie absolvierten gestern ihren vorerst letzten von vier " Brafo " -Tagen in den Ausbildungsstätten der BBA und gehören damit neben den Bismarker Sekundarsschülern, die das in der Vorwoche taten, zu den ersten Sekundarschülern im Landkreis, die in dieses Projekt starten.

Wofür die vier Projekt-Buchstaben stehen, erklärt BBAGeschäftsführer Manfred Zimmer : " Berufswahl richtig angehen, frühzeitig orientieren. Damit ist treffend umrissen, worum es mit dem Projekt geht. " Ein Projekt, dass dieser Tage in die zweite Runde geht. 2007 wurde " Brafo " als Gemeinschaftsaktion des Landes Sachsen-Anhalt und der Arbeitsagentur entwickelt. Partner der Arbeitsagentur Stendal war schon damals die BBA " Altmark ", in Sachen Berufsausbildung äußerst erfahren. Allein im Gewerblichen Bildungszentrum am Akazienweg werden junge Leute in 16 Berufen ausgebildet. Rund 340 Unternehmen der Region kooperieren mit dieser Berufsausbildungsstätte – und dank " Brafo " nun auch wieder die elf Sekundarsschulen im Landkreis Stendal. Damit eröffnet sich dieser Tage zum zweiten Mal für rund 450 Jungen und Mädchen der 7. Klassen die Möglichkeit, in die Berufswelt hineinzuschnuppern.

Manfred Zimmer : " Sich praktisch ausprobieren zu können, ob im Metall- oder Baubereich, bei der Holzbearbeitung, bei den Friseuren, dieses Angebot nehmen jungen Leute gut an. "

So wie der 13-jährige Michael während dieser vier " Brafo " - Tage ein Stück mehr Klarheit über seinen künftigen Berufsweg gewonnen hat, wünscht es sich Dr. Marion Emmer für möglichst viele der am Projekt teilnehmenden Schüler. Die Geschäftsführerin des operativen Bereichs der Stendaler Arbeitsagentur weiß : " Berufswegplanung ist immer auch Lebensplanung. Und da sind solche ersten Erfahrungen schon während der Schulzeit ganz wichtig. " Brafo " ist ein Instrument, dass uns unserem Ziel ein Stück näher bringt. " Letzteres sei nicht nur die frühzeitige Berufsorientierung. Es gehe auch darum, die Zahl der Jugendlichen, die ihre Berufsausbildung abbrechen, zu verringern. Ein echtes Problem, wie eine Zahl zeigt : 20 Prozent der Auszubildenden brechen ihre Lehre ab. Falsche Vorstellungen von dem gewählten Beruf oder auch mangelnde Eignung sind zwei Gründe, die dazu führen.

Eltern sind eingeladen, das Projekt zu erleben

" Brafo " sei gut geeignet, den jungen Leuten zu zeigen, wo ihre Stärken liegen, wo die Schwächen. Es motiviere sie, selbst etwas zu erarbeiten oder herzustellen, was sie am Ende der " Brafo " -Schuppertage mit nach Hause nehmen können, so Manfred Zimmer. Und das ist mehr als der selbst gefeilte Metallwürfel. Das ist vor allem die Lust darauf, sich auszuprobieren, sich mit dem Thema Berufswahl sehr praxisnah zu beschäftigen. Diese Gelegenheit wird den jungen Leuten über die vier Tage – dem ersten " Brafo " -Modul – hinaus eingeräumt. Ein zweites Modul kann anschließen. In ihm wird den Mädchen und Jungen im Schuljahr darauf, also in der 8. Klasse, angeboten, in Betriebe zu gehen, dort zu sehen, wie in dem Beruf, den sie eventuell wählen möchten, gearbeitet wird. Partner für das zweite " Brafo " -Modul zu fi nden, fällt der BBA nicht nur wegen der zahlreichen Kooperationsbeziehungen mit den Unternehmen leicht. Manfred Zimmer : " Die Betriebe sind zunehmend interessiert, junge Leute frühzeitig mit der Arbeit vertraut zu machen. " Der Grund : Geeigneter Berufsnachwuchs wird in vielen Branchen gesucht. So eine Orientierung, wie sie " Brafo " bietet, hilft beiden Seiten – den Jugendlichen, die ihre Berufswahl bewusst treffen, und den Firmen, die schon während dieser dann fünftägigen Betriebspraktika erkennen, dass aus diesem oder jenem " Brafo " -Schüler ein Azubi werden könnte.

Nicht erst in diesem zweiten Teil des Projekts, aber hier besonders, ist die Zusammenarbeit mit den Eltern der Schüler wichtig. Das zweite " Brafo " - Modul findet ausschließlich in den Ferien statt, muss also mit familiären Planungen für diese Zeit in Übereinstimmung gebracht werden. Dass das nicht immer gelingt, verdeutlichen die Zahlen aus dem ersten " Brafo " -Projekt ( 2007 / 2008 ). Lediglich 13 bis 14 Prozent der Schüler nutzten das Modul zwei und damit das Angebot, eine Ferienwoche lang einen Betrieb von innen kennenzulernen, Berufe konkret zu erleben. Ziel der Stendaler Akteure des " Brafo " -Projekts im Landkreis ist es, 20 Prozent der Schüler oder mehr für das zweite " Brafo " -Modul zu begeistern. Nicht zuletzt deshalb geht Henning Peters, der " Brafo " -Koordinator der BBA " Altmark ", gern auch auf die Eltern zu, nimmt an Elternversammlungen in den Schulen teil. " Die Eltern können auch zu uns kommen und sich ansehen, was, Brafo ‘ ist, wie es funktioniert und was ihre Kinder hier tun. "