Hunderte Menschen verfolgten gestern Nachmittag am historischen Rathaus von Tangermünde die Enthüllung der Grete Minde. Der Frau, die vor 400 Jahren in der Stadt lebte, für den Stadtbrand von 1617 verantwortlich gemacht und dafür verbrannt wurde, ist jetzt ein lebensgroßes Denkmal gesetzt worden. Künstler Lutz Gaede schuf es.

Tangermünde. Grete Minde hat ein Gesicht bekommen. " 400 Jahre hat es gedauert ", sagt Ingrid Berger. Die Vorsitzende des Museumsvereins ist es am Sonntagnachmittag, die die unter einem braunen Tuch versteckte Bronze-Plastik vor den Augen hunderter Menschen enthüllt.

Jahrhunderte schuldig

Damit hat die Frau, die auf den Tag genau vor 390 Jahren in der Stadt hingerichtet wurde, ein Denkmal gesetzt bekommen. Grete Minde, so hieß es lange Zeit, soll für den großen Stadtbrand 1617 verantwortlich gewesen sein. Mehr als zwei Jahrhunderte glaubten die Tangermünder, die gerechte Strafe für eine schwere Schuld verhängt zu haben. Auch Theodor Fontane, der 1879 seine Novelle " Grete Minde " schrieb, ging von ihrer Schuld aus. Erst 1883 räumte der Historiker und Jurist Ludolf Parisius in seinen " Bildern aus der Altmark " damit auf : Er nahm sich als erster seit zwei Jahrhunderten die Prozessakten vor und entdeckte die Widersprüche, die auf die Unschuld der Grete schließen lassen.

Mit der Grete-Minde-Plastik ist nicht nur ein langgehegter Traum der Mitglieder des Museumsvereins in Erfüllung gegangen. Auch der Uchtspringer Künstler Lutz Gaede steht am Sonntag neben seinem Werk und ist zufrieden mit dem Ergebnis. Bereit 1996 hatte er sich erstmals intensiv mit der Geschichte der Grete Minde beschäftigt. " Ich habe versucht, etwas über ihr Äußeren herauszufinden und stellte fest, dass es keine authentischen Abbildungen von Grete Minde gibt ", erinnerte sich Gaede in einem früheren Gespräch. " Ursprünglich wollte ich die Grete-Minde-Geschichte illustrieren, später eventuell eine Plastik von ihr schaffen ", berichtete Gaede damals weiter.

Das wusste der Museumsverein und setzte sich mit ihm vor wenigen Jahren in Verbindung. Seit Herbst vergangenen Jahres arbeitete Gaede an der lebensgroßen Figur. Zunächst entstand ein 1 : 1-Modell aus Ton und Gips. Das war die Grundlage für den Guss. In Berlin wurde Grete Minde als Bronzeguss " geboren ".

Ein lebendiges Vorbild, so verrät Gaede am Sonntag, habe es nicht gegeben. Die junge Frau sei ganz und gar ein Produkt seiner Fantasie – schön, zierlich, in Ketten gelegt und mit traurigem Gesichtsausdruck.

" Ich finde sie wunderschön ", sagt eine ältere Tangermünderin und tritt dicht an die Plastik heran. Viele tun das in den ersten Minuten nach ihrer Enthüllung. Lutz Gaede ermuntert die Besucher dazu, beantwortet Fragen. Immer wieder werden die Hände der Frau aus Bronze berührt. " Sicher hat sie bald glänzende Fingerspitzen ", vermutet Christel Bredefeldt. Dann sagt die Tangermünderin : " Eigentlich hätte man ihr heute einen Blumenstrauß in die Hände legen können. "

Dr. Elke Stolze vom Verein Frauen-Orte Sachsen-Anhalt eröffnet am Sonntag die Veranstaltung am Historischen Rathaus. Denn auch Tangermünde ist aufgrund der Geschichte Grete Mindes ein solcher Ort. Vor Jahren war der Verein mit einer Wanderausstellung in der Salzkirche präsent, zeigte Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten und deren Erfolge.

7000-Euro-Spende

Bürgermeister Dr. Rudolf Opitz dankte während seiner Grußworte den vielen Spendern, die die Umsetzung der Idee einer Grete-Minde-Plastik möglich gemacht hatten. Mehr als 20 000 Euro hat sie gekostet. Zuletzt hatte sich die Stadt bereit erklärt, die noch fehlende Summe aus dem Haushalt dazuzugeben. Seit gestern sind es 7000 Euro weniger. Ingo Freidel von der Volksbank Stendal überbrachte dem Bürgermeister einen Zuwendungsbescheid von der Stiftung der Volksbanken und Reiffeisenbanken in Norddeutschland über diesen Beitrag.