" Darüber spricht man nicht – ein Spiel vom Liebhaben, Lusthaben, Kindermachen, Kinderkriegen, vom Schämen und was sonst noch alles vorkommt ", hatte gestern Vormittag auf der Probebühne des Theaters der Altmark Premiere. Ab sofort können sich Schulen die Theatertruppe auch in ihre Turnhalle oder Aula holen.

Stendal. Darüber spricht man nicht ? Vonwegen ! Von der ersten Minute an zeigten die Premierenbesucher – die Klasse 4 b der Grundschule am Stadtsee –, was sie von einer solchen Order mancher Erwachsener halten. Sie mussten von den vier Akteuren, die nicht auf der Bühne, sondern mitten unter ihnen agierten, nicht lange aufgefordert werden, die Dinge beim Namen zu nennen. Vagina und Penis, Muschi und Pullermann, poppen, onanieren und die unendlich vielen saftig-derben Variationen über ein menschlich-allzu-menschliches Thema waren den Zehnjährigen alles andere als fremd. Und sollten diese Dinge bei einigen in einer Schale aus Scham und Hemmung verkapselt gewesen sein – Marie und Harry, Erwin und Lena knackten sie mit ihrem ersten Auftritt.

Auf der Probebühne steht ein knallrotes rundes Zelt. Davor zieht man sich die Schuhe aus und kriecht auf allen Vieren, wie die Tiger im Zirkus, durch einen Tunnel in die Manege. Dort machen Lena ( Frederike Duggen ) und Erwin ( Nikolai Arnold ) schon mal Musik auf Gitarre und Bierkasten. Während sich jeder einen Platz auf den roten Bodenmatten sucht, geht’s richtig los. Harry ( Judith Jäger ) zieht eine riesige Tasche mit einem grünen Bündel in die Mitte. Aus dem Stoffknäuel reckt sich zuerst eine Hand, dann ein damenbeschuhter Fuß, bis schließlich eine üppige Madame mit französischem Akzent der Monstertasche entsteigt und sich als Marie vorstellt. Doch dass Andreas Schirra eine Frau und Judith Jäger ein Mann sein sollen, können sie den Kindern nicht weismachen. Und wie kriegen wir das raus ? " Wir ziehen sie einfach aus ", rufen die jungen Zuschauer im Chor. Da man das im Theater aber nicht so ohne weiteres tun darf, werden die typischen Merkmale von Mann und Frau auf Papier gezeichnet und an die entsprechenden Körperregionen geheftet. Blatt für Blatt werden Harry und Marie entlarvt und wechseln ihre Identität.

Lena und Erwin, Harry und Marie entfachen ein rasantes Spektakel um Liebe und Sex, ums Kindermachen und Kinderkriegen, das die Kinder sofort vergessen lässt, als was sie eigentlich ins Theater gekommen sind : Sie sind hier kein Publikum, sondern unverzichtbarer Bestandteil des Spiels. Nur im Dialog mit den Kindern geht die Handlung voran, nimmt sie einen Lauf, der dem der nächsten Vorstellung nicht völlig gleichen muss. Oft sind die Schauspieler verblüfft. Als sie den Liebesakt darstellen wollen, kommen die wertvollsten Hinweise von den Zehnjährigen : " Nein, nicht nebeneinander. Ihr müsst euch aufeinander legen !" " Wer oben und wer unten ?" Ein Mädchen : " Das ist egal, aber wer oben liegt, muss mehr arbeiten. "

Schon seit den 70 er Jahren vermittelt " Darüber spricht man nicht " Generationen von Kindern die Botschaft : Liebe und Lust sind etwas Wunderbares und Schönes, worüber man unbedingt und so früh wie möglich sprechen sollte. Das vom Berliner Theater Rote Grütze entwickelte Spiel hat Andrea Udl frisch und mitreißend in Stendal inszeniert. In der roten Zeltkulisse von Marlis Knoblauch mit den Matten, auf die man sich lümmeln kann, fühlen sich die Kinder sofort wohl.

Klassenlehrerin Heidi Leidel wunderte sich gestern gar nicht, dass ihre 4 b keinerlei Hemmschwellen überwinden musste : " Wir haben eine gute Sexualerziehung an unserer Schule. Das Stück passt wunderbar in unser Konzept. "