Das Theater der Altmark ist die größte Spielstätte der Region. Im vorigen Jahr waren die Schlagzeilen wenig verheißungsvoll wegen 300000 Euro Defizit. Der neue Intendant Dirk Löschner konnte Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) dennoch von der Zukunft der Spielstätte überzeugen.

Stendal. Es war klug gewählt. Dirk Löschner führte Sachsen-Anhalts obersten Finanzier zu Beginn des Rundgangs durch seine Spielstätte mitten hinein in die Kulissen zum Stück "Der nackte Wahnsinn". Es wimmelt plötzlich – ohne Schauspieler, ohne Publikum, ohne Maske – vor Metaphern und Gleichnissen. Angesichts jener Summe, mit welcher Bullerjahn in diesen Tagen bei Treffen mit seinen Ministerkollegen und damit Leidenskollegen aus dem Bund zu tun hat, beweist Löschner die Kraft seiner Branche.

Siebenhundertfünfzig Milliarden, die die Euro-Länder künftigen Pleite-Staaten im Währungsgebiet garantieren, sind absurd weltfremd, sind schlichtweg "der nackte Wahnsinn", sind die gegenwärtigen nackten Tatsachen eines realen Lebens, das beide Männer beinahe täglich umgibt, das ihnen gleichwohl wenig fremd vorkommt. Bullerjahn muss lachen, und findet Gefallen an der Privatvorführung durch Löschner. Es entsteht ein Draht, den beide zueinander knüpfen.

Vor dem Theatermann und später vor den eigenen Genossen des Stendaler Kreisverbandes wiederholt Bullerjahn seinen Plan, seine Vision 2020, dass man sich "Gedanken machen muss, was man sich in Zukunft leisten kann". Das Theater der Altmark sollte nicht nur so heißen, sondern auch die Altmark abbilden; vom Westen bis in den Osten, von Salzwedel bis Stendal. Und angesichts der Tatsache, dass der westliche Altmarkkreis aus der Finanzierung ausgestiegen ist, wirkt es wie ein Auftrag an den Stendaler.

Wieder hilft die Kulisse. Denn bei Löschners Nackter-Wahnsinn-Stück wird die Szenerie nach der ersten Halbzeit gedreht; muss das Publikum wandern, hinter die Bühne, hinter die Kulissen. Es bekommt also eine andere Perspektive, einen anderen Blick auf die Dinge.

Gleiches darf der Finanzminister hierbei erleben; er wechselt die Perspektive und findet es spannend, was mit ihm passiert. Und er erfährt, dass sie hier noch mit einem 386er-Computer die Technik steuern. Das Ding ist heute so modern wie eine Kehrschaufel in Zeiten von Roboter-Staubsaugern; also trotz der antiken Anmutung höchst nützlich, weil der museale Rechner einsetzbar bleibt. Allerdings zeigt jener 20 Jahre alte 386er exemplarisch, dass das Haus an einigen Stellen von der Moderne überholt wurde. Der Investitionsstau wird künftig also kaum kleiner.

"Kultur muss immer eine Pflicht bleiben, und wir sollten sie uns leisten können", sagt Bullerjahn. Seinem Mantra ordnet sich alles unter: "Es müssen Schwerpunkte bei den Finanzen im Land gesetzt werden." Aus der Vor-Löschner-Zeit drückt ein 300000 Euro-Defizit.

Schwerpunkt wird das, was sich bemerkbar macht; nicht nur bei Bullerjahn, sondern, wie das Theater beim Publikum ankommt. Sie stehen durchaus Schlange, sie kommen genauso durchaus spärlich – es bleibt alles unberechenbar. Verlässlichkeit in der Akzeptanz käme bei Bullerjahn sympathischer an. Er verlangt es nicht, er lässt es durch seine Worte sickern. "Wenn Theater heute existieren wollen, dann müssen sie weiter an ihrer Struktur arbeiten, und die Region muss hinter ihnen stehen. " Er wird nicht richtiger, je häufiger Bullerjahn diesen Grundsatz wiederholt, er wird vielmehr wichtiger für die Städte und Regionen, die sich derlei Häuser weiter leisten wollen.

Noch muss Löschner für sein Theater in der westlichen Altmark mit dem Klingelbeutel auf Werbetour gehen. Von Projekt zu Projekt gelingt das. "Es gibt gute Ansätze in Gesprächen, die Leute an unserem Haus weiter zu interessieren." Er signalisiert positive Reaktionen. Immerhin hat man mit Kinder- und Jugendtheater auf dem Land seine kleinen Erfolge – altmarkweit.

Der laufende Theatervertrag gibt Löschner mittelfristigen Schutz bis 2012. Eine Bestandssicherung wird er sich weiter erarbeiten müssen; das sieht er nüchtern. "Wichtig ist, es geht weiter." Es klingt realistisch. Bullerjahn lächelt freundlich.