Ausgediente Loks, rostige Gleise, verlassene Werkhallen – die perfekte Kulisse für eine griechische Tragödie? Dirk Löschner sagt Ja und hat sich das brachliegende Areal des ehemaligen Raw für die Freilicht-Inszenierung von "Ajax" ausgesucht. Am Freitag ist Premiere.

Stendal. Der Kampf um Troja tobt. Nach Achills Tod in der Schlacht stehen seinem Blutsbruder Ajax dessen Waffen zu. Doch Odysseus erreicht, dass man ihm selbst öffentlich die Waffen zuspricht. Vor aller Augen schwerstens gedemütigt, verfällt Ajax in Zorn und beschließt, das Trio Agamemnon, Menelaos und Odysseus zu meucheln. Die Götter jedoch verwirren Ajax’ Sinn und lassen ihn stattdessen einige Ziegen umbringen, im Glauben, es seien die verhassten Feinde. Als er seinen Irrtum erkennt, nimmt er sich vor Scham das Leben.

In Sophokles’ Tragödie werden erstaunlich aktuelle Fragen gestellt: nach den persönlichen Konsequenzen einer öffentlichen Niederlage, nach dem Umgang mit Schuld, nach der Möglichkeit von Loyalität in unsicheren Zeiten, aber auch von Utopie. Fragen, die auch TdA-Intendant Dirk Löschner, der bei der Stendaler "Ajax"-Inszenierung Regie führt, beschäftigen. Und die ihn zu weiteren Fragen führten: der nach Demokratiemüdigkeit, nach einer Vereinfachungssehnsucht, nach der Suche nach einem starken Führer und schließlich nach dem Gewaltmonopol des Staates.

Das zum Teil brachliegende Gelände des ehemaligen Raw zwischen Fabrikstraße und Ziegeleiweg ist Sinnbild all dessen. "Paramilitärische und/oder rechte Gruppierungen suchen sich oft solche verlassenen Areale, um ihre Triebe auszuleben und ihre Spielchen zu treiben", sagt Löschner. Wie weit geht diese Freiheit, wo muss der Staat eingreifen? Woher kommt die Suche nach vermeintlicher Geborgenheit in zweifelhaften Gruppen?

"Das Alstom-Areal gibt das alles wunderbar vor", sagt Löschner. "Die Kulisse soll außerdem die Archaik des Stücks unterstreichen, das wahrlich nicht hübsch, sondern eindringlich ist. Und zum anderen kann man hier aber auch ein Stück Stendal entdecken."

Was die ungewöhnliche Kulisse den Schauspielern erlaubt, ja geradezu abverlangt, ist Lautstärke. "Die Akustik hier war eine der größten Herausforderungen", sagt Löschner. Ein Flüstern wäre da fehl am Platz. Und wer sich vom Publikum wegdreht, riskiert, nicht gehört zu werden. Der Schall verliert sich in der Weite. Also: Laut sein. Das werden auch die Percussionisten, die sich auf Trommeln, Loks und Türen austoben. "Wir brauchen diese Dringlichkeit", so der Intendant und Regisseur. "Schließlich befinden wir uns nicht beim Kaffeekränzchen, sondern im Krieg."

Die Abendgarderobe kann man für die Ajax-Vorstellungen getrost zu Hause lassen. Warm anziehen und festes Schuhwerk empfehlen sich da schon eher, denn die Inszenierung hat ihre Pläne mit dem Publikum: "Die Zuschauer sind Teil des Geschehens", verrät Dirk Löschner. "Sie werden nicht nur auf den Stühlen sitzen bleiben während der zweistündigen Vorstellung."

Karten an der Theaterkasse, Tel. (0 39 31) 63 57 77.

 

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