Die schwer Hörbehinderte Heidi Schmidt arbeitet seit sechs Jahren in der Kunstplatte in Stendal-Stadtsee. Zusammen mit den Kindern und Jugendlichen näht sie die Kostüme für Musicals und Theaterstücke.

Stendal. Am Anfang war es schwer für Heidi Schmidt. Der Gedanke, man würde hinter ihrem Rücken über sie sprechen, sich über ihr Handicap lustig machen, war für sie unerträglich. Heidi Schmidt ist schwer hörbehindert und arbeitet nun schon seit sechs Jahren in der Stendaler Kunstplatte.

Mit einer Hörbehinderung mit Kindern arbeiten? Damals war das undenkbar für die mittlerweile 55-Jährige. Doch sie hat es geschafft. Im Handumdrehen hat sie sich bei den Kindern und Jugendlichen den nötigen Respekt verschafft und sich für die Kunstplatte unentbehrlich gemacht.

Das bestätigt auch Bernd Zürcher, Leiter des Paritätischen der Altmark: "Ohne Heidi geht hier gar nichts. Sie ist die gute Seele. Vor Heidi war es hier nie so ordentlich und sauber." Zürcher nimmt Heidi in den Arm, beide lächeln sich an und nicken. Stolz meint Zürcher: "Das ist unsere Heidi." 2004 betrat Heidi Schmidt erstmals die Kunstplatte. "Nervös und unsicher war ich an meinem ersten Tag", sagt sie. Vermittelt wurde sie vom Arbeitsamt. Die gelernte Näherin sollte im Rahmen eines Ein-Euro-Jobs Kostüme für ein Theaterstück nähen. "Das kleine häßliche Entlein", erinnert sich Heidi Schmidt lächelnd. Seit dem wurde ihr Vertrag mit der Kunstplatte jährlich erneuert.

"Ideen hole ich mir aus dem Fernsehen"

Mit einem Hörgerät in ihrem rechten Ohr und der Fähigkeit von den Lippen ihrer Mitmenschen ablesen zu können, verständigt sie sich. Auch das Sprechen hat sie schon von Klein auf lernen müssen: "Ich war auf einer Schule für schwer Hörbehinderte. Unser Lehrer akzeptierte es nicht, wenn wir nur die Gebärdensprache verwendeten. Deswegen lernten wir auch zu sprechen. Das war sehr schwer."

So konnte Schmidt auch von den Lippen der Kinder ablesen, über was sie sich unterhielten. Bei Lästereien und Schikanen warf sie sofort ein und gab zu verstehen, sie wisse, über was sich unterhalten wird. Seitdem ist Ruhe in der Kunstplatte. Heidi Schmidt wird respektiert und gilt als "Gute Seele" und "Mutter der Kunstplatte". Wenn Heidi etwas sagt, dann befolgen alle ihre Ratschläge und Forderungen.

Heidi Schmidt ist geradewegs zur Chefnäherin der Kunstplatte avanciert. Momentan arbeitet sie zusammen mit vielen Kindern aus dem Stadtseegebiet an der Umsetzung des Kindermusicals "Max und die Zaubertrommel". Das wird am 12. Juni in der Kunstplatte aufgeführt. Auch das wird sie sich wieder mit anschauen. Doch für Heidi ist das nichts Neues. Schon so viele Musicals und Theaterstücke hat sie ausgerichtet. Unzählige Prinzessinnenkostüme wurden genäht, Katzenschwänze befestigt und Umhänge bestickt.

"Die Ideen dazu hole ich mir aus dem Fernsehen. Die Frauen auf dem roten Teppich tragen immer so tolle Kleider, die sehen aus wie Prinzessinnen", schwärmt Schmidt. Alles was sie braucht ist ihre kleine weiße Nähmaschine. Die Vorstellungen hat sie im Kopf, geschneidert wird nach Maß.

Sogar das Theater der Altmark bekam Wind von den Fähigkeiten der Näherin und engagierte sie im vergangenen Winter prompt für einige Kostümschneidereien. "Die arbeiten da fast genauso wie wir. Nur das dort alles enger gesteckt oder notfalls wieder aufgelöst wird. Ich meinte, dass man das sieht, aber die vom Theater wollten das eben so", sagt sie und zuckt dabei mit der Schulter.

"Heidi ist eine Institution geworden"

Kreativität zeichnet sie aus. Gerade arbeitet sie an Wäscheklammerbeuteln. Einen roten und einen bunten Beutel hat sie bereits angefertigt. Die sehen aus wie kleine Puppenkleider. Stolz erklärt Schmidt: "Ich will die verkaufen, um damit Geld für die Kunstplatte zu sammeln." Sie lässt sich gern was einfallen. Macht aus alt neu und aus längst aus der Mode total moderne Sachen.

"Heidi ist authentisch. Alles was sie denkt, sagt sie auch", sagt Zürcher. "Wir hoffen, dass unsere Heidi noch lange bei uns bleibt. Sie donnert die Jugendlichen auch mal zusammen, wenn hier wieder das Chaos herrscht. Das brauchen die! Viele bekommen so etwas zu Hause nicht. Heidi ist eine Institution geworden."