Im Alter von 13 Jahren hat Margot Beham, damals hieß sie noch Mertens, ihre altmärkische Heimat Lindstedterhorst verlassen. Die Familie ging noch vor dem Mauerbau in den Westen Deutschlands. Ihre Geschichte, ihre Erinnerungen an die Kindheit, hat die Aschaffenburgerin jetzt als Büchlein mit dem Titel "Heimweh" veröffentlicht.

Lindstedterhorst. Die Erinnerungen an das kleine Lindstedterhorst in der Altmark, an die alte Heimat, hat die Familie immer begleitet. Als vor 15 Jahren ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte, war dies für Margot Beham eine Art Signal, mit dem Schreiben zu beginnen. "Ich hatte damals das Gefühl, dass ich mir das von der Seele schreiben muss", sagt sie. Selbst Autorin zu sein, war für sie Neuland: "Ich hatte vorher nichts geschrieben, nur mal ein paar Verse für private Feiern."

Sie wollte die Familienerinnerungen auch ihrer Mutter zuliebe – die fünf Jahre von ihrer Tochter und deren Mann gepflegt wurde und vor zehn Jahren verstarb – in Schriftform bringen. "Sie hat oft zu mir gesagt: Schreib doch alles auf." Aber auch aus ihr selbst sei der Wunsch gekommen, ihre Geschichte zu erzählen. "Ich hänge sehr an der Heimat, vermutlich, weil wir lange nicht rüberkonnten", sagt Margot Beham, die regelmäßig mit ihrem Mann aus dem bayerischen Aschaffenburg in die Altmark kommt, regelmäßig ihre Cousine in Stendal besucht. Das Ehepaar hat auch schon im Wohnwagen in Lindstedterhorst Ferien gemacht. Denn Margot Beham hatte die alte Betriebshalle und das Grundstück der Eltern geerbt.

Vor gut zwei Jahren wurde das Buchprojekt dann konkreter. Seither arbeitete Margot Beham mit einem Lektor zusammen, legte eine erste Fassung vor, überarbeitete und ergänzte sie. Jetzt liegt ihre "Erinnerung" – so beschreibt sie das Werk im Untertitel – als Büchlein mit dem Titel "Heimweh" vor. Es hat 144 Seiten, doch das scheint noch nicht das Ende zu sein. "Es könnten noch ein paar Seiten mehr werden", erzählt Margot Beham. Denn während der Arbeit an ihrem Buch kam sie mit Verwandten, Lindstedterhorstern und Lindstedtern sowie mit ehemaligen Einwohnern ins Gespräch. Gemeinsam wurden verborgene Erinnerungen geweckt, andere wurde ergänzt. Vor einigen Tagen hat sie auch Lindstedts Pfarrerin Johanna Brilling besucht und ihr ein "Heimweh"-Exemplar übergeben. Es soll während der regelmäßigen Lesenachmittage vorgestellt werden, vermutlich aber erst im Herbst. Zurzeit wird es sogar ins Englische übersetzt – von Bekannten in den USA, deren Sohn die Übersetzung mit Klassenkameraden im Sprachunterricht vornimmt.

"Ich hatte das Gefühl, dass ich mir das von der Seele schreiben muss"

Für "Heimweh", das in einer ganz kleinen Auflage bei Mein Leben – Werkstatt und Verlag für Memoiren in Polling/Oberbayern gedruckt wurde, sucht Margot Beham einen Verlag, nach Möglichkeit in der Altmark. Davon, dass es einen Leserkreis für ihre ganz private Geschichte gibt, ist die Aschaffenburgerin überzeugt. Denn auch im Privaten wird Geschichte erzählt. Dazu gehört die Situation in den 50er Jahren in der DDR, die zur Flucht der Familie nach Westdeutschland geführt hat – ein Schicksal, wie es tausende Familien getroffen hat. "In Margot Behams Autobiografie wird ein Einzelschicksal beschrieben. Dabei wird jedoch nicht nur der Einblick gewährt in ihr Leben, sondern auch in die Lebensumstände der DDR und die Entwicklung in der Ostzone in den Nachkriegsjahren. Es wird ein Bogen gespannt vom Mauerbau bis hin zur Wiedervereinigung und die Sichtweise einer auf direkte Weise von der Trennung Ost- und Westdeutschlands Betroffenen wiedergegeben", heißt es im Lektoratsgutachten des Goethe-Literaturverlages Frankfurt/Main. Und weiter: "Durch die Einblicke in das Erleben, die Persönlichkeit von Margot Beham und die Zeitgeschichte hat sie ein zugängliches, ansprechendes und persönliches Werk geschaffen. Ihr Sprachstil ist klar und schnörkellos und somit für jedermann zugänglich." Der Lektor attestiert ihr eine "berührende Erzählweise". Wer "Heimweh" gelesen hat, wird dem zustimmen.

1947 im Eichsfeld, im Elternhaus der Mutter geboren, erlebt Margot Beham ihre Kindheit in dem altmärkischen Ort, den sie liebevoll L-horst nennt. Sie erlebt ein idyllisches Dorfleben, aber auch die Veränderungen, die die Gründung der LPG und die Enteignungen der Bauern sowie die Verstaatlichung privater Betriebe mit sich bringen. Am 17. Dezember 1960 geht die Familie in den Westen. Als gut ein halbes Jahr später die Mauer gebaut wird, bleibt der Weg zurück für die nächsten 28 Jahre versperrt. In den nicht immer leichten ersten Jahren in der Bundesrepublik sind die Erinnerungen an die Kindheit ein Trost.

Margot Beham beginnt ihre literarischen Erinnerungen auf einem Bahnsteig in Berlin-Friedrichstraße. Sie, der Vater und die Schwester, auf die Mutter wartend. Sie beginnt ihre Erinnerungen mit dem Weggang aus dem einen Teil Deutschlands in den anderen. Und es folgt ein fiktiver Brief an Ingrid, eine Freundin aus Kindertagen, den Margot Beham so in den Wochen nach der Flucht vielleicht geschrieben und abgeschickt hätte – wenn es möglich gewesen wäre. Als die Mauer gefallen war, hat sie Ingrid besucht, gemeinsam fuhren sie nach Lindstedterhorst. Die Verfasserin des Buches schreibt von einer "Heimkehr".

Erinnerungen, das sind für Margot Beham auch die Gerüche von damals. "Samstags roch es nach Bohnerwachs, frischgekochter Fleischsuppe und gebackenem Kuchen. Eine Mischung, die ich unter tausend Gerüchen herausfinde", schreibt sie in ihrem Buch. Und sie schreibt über die Lindstedterhorster von damals und heute. Von der Familie Wiese, deren Hof am Ende der Dorfstraße liegt, und von Herrn Bölke, den Vater von Schulfreund Hotti, über die aus Ostpreußen stammende Frau Schön, die im Konsum gearbeitet hat. Sie beschreibt das Landleben, die Arbeit auf den Äckern ebenso wie die Fachwerkhöfe, von denen jeder seinen eigenen Charakter hat. Sie bescheinigt den Einwohnern: "40 Jahre Sozialismus hat den Menschen charakterlich nicht viel angetan. Sie sind Bauern geblieben und haben sich ihre guten Sitten bewahrt." Auch das altmärkische Essen hat Einzug in die niedergeschriebenen Erinnerungen gefunden.

Doch im Mittelpunkt steht die Familie, die sich nach dem Krieg in Lindstedterhorst eine Existenz aufbaut. Vater Hermann Mertens fängt mit einem Lkw an, bald kommt ein Omnisbus hinzu. Damit fuhr er Gruppen zu den Sehenswürdigkeiten in der Altmark, sehr beliebt war der Arendsee, und bald auch weiter nach Berlin oder Dresden. Zu den Kindheitserinnerungen gehören aber auch die Kindermädchen Elisabeth, Gerda und Hanna. Und auch Willi Verstege, ein junger Vikar aus der Diözese Paderborn, der heute 85-jährig in Nienburg/Saale lebt und für die katholische Familie Mertens ein lieber Wegbegleiter wurde in der Zeit vor der Flucht. Er hatte die katholische Kirche in Bismark aufgebaut.

Das Leben wurde Ende der 50er Jahre in der DDR immer schwieriger, viele Betriebe wurden verstaatlicht. Und so begann die Familie Mertens damit, die Flucht vorzubereiten. Ende 1960 war es dann soweit. Es folgte der Neuanfang, es folgten Jahrzehnte, in denen Margot Beham selbst eine Familie gründete. Auch darüber schreibt sie sehr ausführlich in ihrem Büchlein "Heimweh". Nicht nur für ihre Familie bietet es sehr viel Stoff zum Erinnern und zum Blick in ein ganz persönliches Stück deutsch-deutscher Geschichte.