Seit einigen Jahren sinkt mit der Einwohnerzahl in Sachsen-Anhalt auch die der Schüler. Weitere Schulschließungen drohen. "Es ist Zeit, über neue Modelle nachzudenken", sagt Birgit Hausmann aus Garlipp. In ihrer Diplomarbeit beschäftigte sich die angehende Betriebswirtin mit den Folgen der Demografie auf Grundschulen und mit möglichen Lösungswegen.

Stendal. "Die Bildungspolitik stößt in der Altmark an ihre Grenzen. Nichts scheint zu passen, weder Klassen- und Jahrgangsstärken in dem einen oder anderen Bildungsgang, noch die Bausubstanz", sagt Birgit Hausmann. Die 41-Jährige studiert Betriebswirtschaft in Stendal und kennt als zweifache Mutter die Probleme von Schulkindern. Das inspirierte sie, sich in ihrer Diplomarbeit mit den Folgen des demografischen Wandels im Bezug auf die Grundschulen der Altmark auseinanderzusetzen.

Die Bevölkerung sinkt bis zum Jahr 2025 in Sachsen-Anhalt um etwa 20 Prozent auf knapp 1,9 Millionen Einwohner. In der Altmark sieht die Lage laut der vierten regionalbasierten Bevölkerungsprognose (Stand 12/2008) noch dramatischer aus. Der Landkreis Stendal soll von etwa 130 000 auf 96 000 Einwohner schrumpfen. Die Zahl der unter 20-Jährigen sinkt demnach von 24 000 auf 13 000 Personen. Eine durchschnittliche Grundschule mit einem Einzugsgebiet von 13 Dörfern würde nach diesen Prognosen knapp die Hälfte ihrer Schüler verlieren.

Ohne Konkurrenz, aber mit Sponsoren

Deshalb sollten die nackten Zahlen für die Altmark nach Auffassung von Birgit Hausmann nicht richtungsweisend für die Schulentwicklung sein. "Hier ist die Kreativität in der Gestaltung des Schulwesens gefragt, so wie sie seit jeher Inselstandorten und Gegenden im Hochgebirge zugestanden wird." An der Hochschule Magdeburg-Stendal wurden Konzepte für Grundschulen entwickelt, die es ermöglichen an kleinen Schulen festzuhalten, obwohl die Schülerzahlen durch den demografischen Wandel einen Erhalt der Schule auf Dauer in Frage stellen. Ginge es nämlich nach den nüchternen Zahlen, stünden für viele Grundschüler aus der Altmark bald mehr "Fahrstunden" auf dem Lehrplan.

Bereits bestehende Initiativen und Ansätze auf Landes- und Bundesebene wurden untersucht. Neben der deutschlandweiten Qualifizierungsinitiative sowie der Arbeit des Bildungskonventes Sachsen-Anhalt flossen Überlegungen zu längerem gemeinsamen Lernen an Beispielen anderer Bundesländer ein.

"In Berlin dauert die Grundschule schon seit Jahrzehnten sechs Jahre", sagt Prof. Dr. Fritz-René Grabau aus eigener Erfahrung. Zusammen mit Prof. Dr. Irina Hundt betreut er Birgit Hausmann bei ihrer Diplomarbeit und die Ansätze der Studentin.

Mit Kooperationspartnern aus der Wirtschaft, die insbesondere in kleinen ortsansässigen Unternehmen gewonnen werden könnten, steige beispielsweise das Gemeinschaftsgefühl. Eine solche Zusammenarbeit habe Vorteile für beide Seiten.

Um Grundschulen weiter zu erhalten, seien jedoch auch Sponsoringmodelle, Spendenkonzepte oder so genannte Public Private Partnerships (PPP, öffentlich-private Partnerschaften) möglich. Angewandt werden PPP-Modelle beispielsweise in Halle.

Ein weiteres Mittel im Kampf um die Standorte seien Kooperationen zwischen bestehenden Grundschulen. Sie könnten nach Auffassung der Studentin Konkurrenzdenken überwinden. Zudem könnten freigesetzte Ressourcen im Unterrichtsablauf ein breiteres schulisches Angebot und mehr Möglichkeiten bei der individuellen Förderung ermöglichen. Eine weitere Lösung könnte die Verlängerung der Grundschulzeit von bisher vier auf sechs Jahre sein. Doch auch die Kleinstgrundschule, wie sie in Teilen Österreichs oder auf Inseln praktiziert wird, sei ein mögliches Modell, um der demografischen Entwicklung zu begegnen.

Prädestiniert für innovative Lösungen

"Mit verschiedenen Möglichkeiten kann es gelingen, den demografischen Wandel nicht als Untergang, sondern als Chance zu begreifen, wenn kreative Gestaltungsideen entwickelt werden, die den Besonderheiten Rechnung tragen", sagt Birgit Hausmann. Die Altmark sei prädestiniert für innovative Lösungen im Bereich der Grundschulbildung und kann für andere Regionen Modellcharakter annehmen. Der Druck muss nach Auffassung von Prof. Dr. Fritz-René Grabau jedoch von der Basis, also den Eltern und der ländlichen Gemeinschaft, kommen. Nach seiner Einschätzung wird der Trend von großen Schuleinheiten irgendwann kippen. "Man verbrennt dabei nicht mehr nur Geld für den Transport, sondern nimmt den Kindern und Familien auch kostbare Zeit", so Grabau.