Nichts wird derzeit im Land so emotional diskutiert wie die Schulentwicklungsplanung und die damit drohenden Schließungen. Um die Interessen zu bündeln, hatte jetzt Seehausens Ortschef Eckhard Jockisch erneut zu einem "Elternabend" eingeladen. Vertreter des Aktionsbündnisses "Grundschulen vor Ort" stellten hier ihr Spar- und "Rettungskonzept" vor.

Seehausen l Die Welle an Protesten gegen drohende Schulschließungen im Land reißt nicht ab. Damit, wie Seehausens Ortsbürgermeister Eckhard Jockisch meint "nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht und der Frust in Resignation endet", hatte er Ende vergangener Woche im Seehäuser Sonnensaal zu einem zweiten Schulkurs-Infoabend im Auftrag des Sozialausschusses geladen. Rund 120 Eltern, Kita- und Schul-Fördervereinsmitglieder sowie Räte aus sämtlichen Ortsteilen der Stadt kamen. Zu den Gästen zählten auch Walter Helbling und Ernst Romoser als Vertreter des Aktionsbündnisses "Grundschulen vor Ort".

"Wenn es sein muss, demonstrieren wir dafür auch vor dem Landtag."

Ortschef Eckhard Jockisch

Eckhard Jockisch (70) bringt das Anliegen der Einheitsgemeinde auf den Punkt: "Alleine kommen wir nicht weiter. Alle von einem Schul-Aus betroffenen Gemeinden müssen sich jetzt zusammenschließen. Wir müssen es schaffen, dass ab 2017 statt der laut Verordnung geforderten 80 Schüler pro Grundschule 60 ausreichen. Wenn es sein muss, demonstrieren wir dafür auch vor dem Landtag."

Zwar hält der Wanzleber Stadtrat noch immer an seinem alten Beschluss alle fünf Grundschulen erhalten zu wollen, fest. Doch die Schulentwicklungsplanung (Sepl) steht, mahnte Bündnisvertreter Walter Helbling. "Deshalb müssen wir die Verordnung, an die sich der Kulturminister klammert, vor den Wahlen kippen."

Die Abc-Schützen-Hürde, die die Verordnung vorgibt, bereitet an diesem Abend besonders den Seehäusern Kopfzerbrechen. War sich die Bördegemeinde noch im vergangenen Jahr sicher, dass ihre Grundschule ausreichend Schüler hat, so bangt sie derzeit um eine Ausnahmegenehmigung. Denn weil zwei Schüler an der 15-Einschüler-Marke fehlen, muss die Grundschule um ihr Bestehen fürchten.

Für ein erstes, leichtes Aufatmen sorgt an diesem Abend die SPD-Landtagsabgeordnete und Stadträtin Silke Schindler. Die Sozialdemokratin sitzt ebenfalls im Publikum und erklärt, dass das Kultusministerium ihr auf Nachfrage bereits zugesagt habe, dass der Seehäuser Grundschule der Antrag auf eine Ausnahmeregelung bewilligt wird. "Der Bescheid soll der Stadt noch im März zugestellt werden." Durch den Saal hallt Applaus.

"Bescheid zur Ausnahmeregelung soll der Stadt im März zugestellt werden."

SPD-Landtagsabgeordnete Silke Schindler

Doch mit diesem "Ausnahme-Signal" ist, wie Jockisch meint, "die Kuh noch längst nicht vom Eis." "Wir müssen langfristig denken. Ich als Seehäuser wünsche mir, dass hier auch noch in 20 Jahren Kinder zur Schule gehen." Er ist sich sicher: Schließt die Schule, stirbt der Ort. "An der Schule hängt so viel. Hier findet nicht nur der Sportverein, sondern auch die Feuerwehr ihren Nachwuchs. Sitzen die Kinder aber bereits ab der ersten Klasse im Schulbus, fällt das ganze Vereins- und Gemeindeleben hinten runter. Keine junge Familie wird dann mehr in Seehausen wohnen wollen. Mit dem Wegzug und dem damit verbundenen demografischen Wandel schwindet die Infrastruktur, und die Immobilien- und Grundstückspreise rauschen in den Keller. Deshalb gilt es dringend die Landschulen zu erhalten", richtete Jockisch seinen Appell an die anwesenden Landtagsabgeordneten.

Ein Konzept, wie man kleinere Schulstandorte im ländlichen Raum langfristig erhalten kann, hat bereits das Bündnis "Grundschulen vor Ort" zu Papier gebracht. Darüber, dass es bereits alternative und erprobte Schulformen gebe, "die zu denselben Spareffekten führen werden, wenn man sämtliche Folgekosten des jetzigen Schulentwicklungsplanes in die Kalkulation mit einbezieht", informierten die Bündnisvertreter an diesem Abend.

Sie fordern beispielsweise, dass im Schulgesetz altersdurchmischtes Lernen anerkannt werden sollte.

Auf diese Art der Schulform folgte eine Diskussion. Pro und Kontra wurden ausgetauscht.

Dr. Horst Lux aus Klein Wanzleben sprach sich dabei gegen das altersdurchmischte Konzept aus. Er sieht in dieser Schulform einen Rückschritt. Er befürchtet, dass Eltern ihre Kinder dann eher auf eine private Schule, beispielsweise nach Barleben schicken würden.

"Das Thema muss in den Landtag."

Martin Heine, CDU-Stadtrat

Walter Helbling argumentiert: "Wenn Erst- und Zweitklässler in einem Raum lernen, ist das gar kein Problem. Das machen uns viele Länder vor, die obendrein in der Pisa-Studie weitaus besser abschneiden als Deutschland."

"Zu meiner Schulzeit saßen auch mehrere Jahrgänge in ein und demselben Unterrichtsraum", erinnerte sich Seehausens Ortschef, der das Bündnis-Konzept als zukunftsweisend empfindet.

Ebenfalls mit "Blick in die Glaskugel" meldete sich CDU-Stadtrat Martin Heine zu Wort: "Wenn das Land vorhat, in den nächsten Jahren 95 Schulen zu schließen, darf das nicht im stillen Kämmerlein entschieden werden. Das Thema muss in den Landtag."

Gudrun Tiedge von der Linken erklärte an diesem Infoabend erneut, dass die Verordnung keine Reaktion auf sinkende Schülerzahlen sei. "Es geht nicht um die Kinder, sondern um Lehrerstellen, 2000 will die Landesregierung abbauen - und da setzt man eben die Eingangszahlen herauf."

Eckhard Jockisch wurde an dem Abend zum "Netzwerker" ernannt. Bei ihm sollen sämtliche Fäden für die nächsten Aktionen zusammenlaufen.

Den Vorschlag, um vor dem Landtag zu demonstrieren, griff zum Schluss Ina Neumann aus Hamersleben im Namen der Bürgerinitiative zum Erhalt der Grundschule auf.

"Ich denke, das wir uns kreisübergreifend zusammenschließen und einen Aktionstag vor dem Landtag initiieren sollten", forderte die 48-Jährige.

 

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