Nicole Schwieger ist eine engagierte Mutter, die sich Sorgen um ihren Sohn macht. Er ist verhaltensauffällig und braucht fachliche Hilfe in einer Spezialklinik, die er auch bekommen soll. Doch bis dahin weiß die Mutter nicht, wie sie es ohne Hilfe schaffen soll.

Oschersleben l In der kleinen Wohnung der Familie Schwieger verrät Spielzeug, dass hier Kinder leben. Die vierjährige Tochter Johanna hat ein eigenes rosafarbenes Zimmer mit Himmelbett, der sechsjährige Sohn Jeremias ein blaues mit Hochbett. Im Wohnzimmer steht ein Aquarium und ein Kater liegt entspannt auf der Sofalehne. Die Eltern sind berufstätig, die Kinder besuchen einen Kindergarten, wie in vielen anderen Familie auch. Und doch macht sich die Familie aus Oschersleben große Sorgen. Denn Jeremias braucht Hilfe.

"Am Anfang dachten wir, unser Sohn ist einfach nur lebhaft, doch es wurde von Jahr zu Jahr immer schlimmer", sagt die Mutter Nicole Schwieger. Es fällt ihr nicht leicht, darüber zu reden. Doch sie will für ihren Sohn, dass sich endlich etwas ändert. Der Junge hat nach ersten Erkenntnissen vermutlich eine soziale Verhaltensauffälligkeit. Schon im Kindergarten in Hamersleben ist aufgefallen, dass das aufgeweckte Kerlchen sehr viel Aufmerksamkeit braucht, in großen Gruppen sogar aggressiv werden kann. "Aber richtig festgestellt haben das erst die Erzieherinnen in dem Kindergarten, in den er seit August vergangenen Jahres geht", sagt Schwieger und ist sich sicher, dass ihr Kind Einzelbetreuung benötigt. Die Erzieherinnen in der Kita in Oschersleben bemühen sich sehr um den Jungen, doch er könne nicht wie die anderen Kinder in der Gruppe betreut werden.

Viele Besuche beim Jugendamt habe sie deswegen bereits hinter sich. Im März wurde ihr Sohn drei Wochen lang in einer Tagesklinik betreut. Jedoch teilte die Einrichtung der Mutter mit, dass ihr Sohn besser stationär behandelt werden sollte. Ein Psychologe der Klinik hätte ihr sogar ein Schreiben mitgegeben, welches die Auffälligkeiten ihres Sohnes bestätigt und auf die stationäre Behandlung verweist, erzählt Nicole Schwieger. Eine Tagesbetreuung sei nicht ausreichend.

Der Termin für die Klinik stehe auch bereits fest, sagt sie voller Hoffnung. Sie habe die Zusage, dass ihr Sohn ab dem 8. Mai in einer Fachklinik Hilfe bekommt. Doch irgendwie muss sie die Zeit bis dahin überbrücken.

Deshalb hatte sie sich erneut an das Jugendamt gewandt und um Unterstützung bis zum Beginn der Behandlung gebeten. Eine Familienhilfe könnte die Familie entlasten, bei der Erziehung und dem Umgang mit Konfliktsituationen unterstützen.

Krankschreibung oder Kündigung als Lösung?

"Es ist natürlich nicht leicht für eine Mutter, solch eine Hilfe zu beantragen. Aber immerhin steht mein Sohn an erster Stelle und irgendwie müssen wir ihm ja helfen", sagt sie verzweifelt, während Jeremias mit dem Kater spielt.

Eine zeitweise Einzelbetreuung im Kindergarten sowie eine Familienhilfe für den Alltag habe ihr das Amt bisher versagt. Anspruch darauf hätte sie erst, nachdem Jeremias in der noch anstehenden stationären Betreuung gewesen sei. Doch Hilfe bräuchte die Familie jetzt, meint sie. Sie ist glücklich und dankbar, dass sie in der Kita soviel Verständnis findet.

Die zuständige Sachbearbeiterin des Jugendamtes habe ihr geraten, sich krankschreiben zu lassen oder den Job aufzugeben, sagt die Mutter. Das sei undenkbar.

"Ich soll mich sechs Wochen lang krankschreiben lassen? Ganz ehrlich, da ist mein Job weg. Bei allem Verständnis, welches mein Arbeitgeber bisher für mich und unsere Situation aufgebracht hat, aber das kann von niemandem verlangt werden." Jeder ist froh, dass er Arbeit hat.

Die Mutter räumt ein, vielleicht nicht alles richtig gemacht zu haben: "Ich habe mein Kind anfangs in Watte gepackt", sagt sie. Doch das sei vorbei. Sie muss sich mit der besonderen Situation auseinandersetzen, sie will alles richtig machen, schließlich will sie ihrem Sohn helfen, mit sich und seinem Leben zurecht zu kommen, doch sie schafft es nicht allein. Sie braucht professionelle Hilfe.

Das Jugendamt prüft, ob eine Hilfe möglich ist

Im Jugendamt des Landkreises ist der Sachgebietsleiter für Soziale Dienste, Ralf Pfeiffer, mit dem Fall vertraut, da sich Nicole Schwieger auch an ihn gewandt hatte.

"Der momentane Stand der Dinge ist, dass der eingereichte Antrag `Hilfe auf Erziehung` gerade von uns bearbeitet wird. Am Montag (14. April, Anmerkung der Redaktion) wurde eine Besprechung eingeleitet", sagt Pfeiffer. Demnach steht ein Besuch der zuständigen Sachbearbeiterin an. Anschließend soll entschieden werden, wie dringlich der Fall ist und ob Bedarf besteht.

"Die erhoffte Hauptunterstützung in der Kindertagesstätte kann jedoch so kurzfristig nicht bearbeitet werden", erklärt Pfeiffer weiter. Demnach sei die Rechtsgrundlage in diesem Fall so, dass eine seelische Behinderung vorliegen muss oder zumindest droht, wenn keine Hilfe erfolgt. Erst dann wäre ein Anspruch auf Eingliederungshilfe möglich. "Dies ist aber ein langwieriger Prozess und benötigt neben ärztlichen Gutachten auch mehrere Haus- und Kita-Besuche sowie Gespräche unsererseits", sagt der Sachgebietsleiter.

Besuch der Sachbearbeiterin -Hoffnung am Horizont?

Die Sachbearbeiterin des Jugendamtes war nunmehr am Montag bei der Familie und hat die momentane Situation begutachtet.

"Der Besuch der Sachbearbeiterin lässt mich wirklich hoffen, dass es doch noch klappt und wir wenigstens die Familienhilfe erhalten", sagt Jeremias` Mutter.

In mancher anderen Familie wird es ähnliche Sorgen geben, meint sie. Und sie hofft, dass nicht alle so lange Wege zurücklegen müssen, bis ihren Kindern geholfen werden kann.