Ein ehemaliger, wegen Wahlmanipulation verurteilter SED-Genosse und ein DDR-Oppositioneller und Minister in der letzten Staatsregierung haben am Mittwoch der jüngsten Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte Deutsche Teilung ihren Stempel aufgedrückt. Sie sprachen offene Worte in knisternder Atmosphäre.

Marienborn l Das war am Mittwoch außergewöhnlich an der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn: Zur Eröffnung der Ausstellung "SED, wenn Du nicht gehst, dann gehen wir!" waren Gesprächspartner erschienen, die nicht nur Augenzeugen der friedlichen Revolution in der DDR waren, sondern auch mit an den Rädern der Geschichte gedreht hatten. Nur jeweils von einem anderen Lager aus.

Aus Berlin angereist waren der ehemalige Bürgerrechtler und Pfarrer Rainer Eppelmann und der frühere SED-Politiker und Oberbürgermeister von Dresden, Wolfgang Berghofer. Es sollte mit dem Podiumsgespräch und der Ausstellung an die gefälschte Kommunalwahl in der DDR am 7. Mai vor 25 Jahren erinnert werden. Beide bezeugten mit detailliertem Einzelwissen den Wahlbetrug, der letztendlich den Anfang vom Ende der DDR bedeutete.

Gefälscht, verschleppt und ausradiert

Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), Moderator des Gesprächs, verstand es, eine gewisse Spannung aufzubauen, obwohl beide Gesprächspartner inzwischen sogar freundschaftliche Beziehungen pflegen und "Rainer" und "Wolfgang" zueinander sagen. Berghofer wäre einer der wenigen gewesen, die zu ihrer Verantwortung gestanden hätten, so Dorgerloh.

Berghofer, selbst wegen gemeinschaftlichen Wahlbetrugs verurteilt, bestätigte: "Nicht nur die 99,9 Prozent, alles war gefälscht." Außerdem hätte die Justiz dafür gesorgt, dass Haftentlassungen nicht vor der Wahl erfolgten; und die 30000 Bürger, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, seien schlicht nicht erfasst worden. Kamen sie doch zur Wahl, hätte man sie mit Bleistift auf die Wahlliste gesetzt und später wieder ausradiert.

Dass er als Funktionär der mittleren Ebene zunächst zusah, hätte etwas mit Parteidisziplin zu tun gehabt, erklärte Berghofer. "Leute wie ich, Modrow und auch Krenz, versuchten dann, die Obrigkeit zu überzeugen, die Wahlergebnisse künftig real darzustellen." Honecker hätte unter das Schreiben mit grüner Tinte "E.H. einverstanden" geschrieben, aber es habe sich die Gegenbewegung unter dem einflussreichen Politbüro-Mitglied Horst Dohlus durchgesetzt - deren Devise: Wir wollen das gleiche Wahlergebnis erreichen wie beim letzten Mal.

Berghofer sei "vom wissenschaftlichen Sozialismus überzeugt" gewesen, die Erkenntnis, dass das System zum Scheitern verurteilt war, reifte erst spät. "Ich war aber kein Widerstandskämpfer, das waren die Leute auf der Straße." Anhand zahlreicher Beispiele schilderte er den Niedergang der Wirtschaft, über die katastrophale Außenhandelsbilanz sei nicht einmal das Politbüro informiert gewesen.

Die Ausführungen von Berghofer in der Gedenkstätte nahmen einen breiten Raum ein, denn er konnte Einblicke ermöglichen, die durch ihre Details großes Interesse fanden. Rainer Eppelmann trug zu einem kurzweiligen, mitunter auch knisternden Podiumsgespräch bei. "Ich könnte mich heute auf den Alexanderplatz stellen und sagen: Merkel ist doof! Dann könnte ich mich umdrehen und weggehen. Unter Honecker wäre ich dafür in den Knast gekommen." Damit unterstrich Eppelmann auf seine Weise, wie wertvoll für ihn Demokratie und Freiheit sind, was er auch seinen Enkeln, Neffen und Nichten so vermittele.

In den Räumen der Sonderausstellung konnten die Besucher dann noch einmal anhand von Bild- und Textdokumenten sowie Fernsehsequenzen die zuvor geschilderten Geschehnisse vor 25 Jahren in der DDR nachvollziehen.

Bilder