Die Behauptung könnte hinkommen: "Wir sind vermutlich die älteste WG im Lande." Das sagen die elf Mieter der Wohngemeinschaft im Eilsleber DRK-Zentrum von sich selber. Die meisten gehen auf die 90 zu oder sind schon drüber. Das Flair im zweiten Stock ist betulich und doch voller Leben. Volksstimme hat der WG einen Besuch abgestattet.

Eilsleben l "Wie ging denn das Brasilien-Spiel aus?" Wilhelmina Kühne muss noch die Ergebnisse der Nacht nachtragen. "Ich schaue mir die WM-Spiele sehr gern an, aber einige laufen zu spät für mich, da schlafe ich schon", erklärt sie. Der 4:1-Sieg über Kamerun wird ebenso im Spielplan verewigt wie das 3:1 der Mexikaner gegen Kroatien. "Ach, die Gruppe ist jetzt fertig, aber die Tabelle rechne ich später aus." Wilhelmina Kühne hat früher in der Buchhaltung gearbeitet, den Eilslebern dürfte sie vor allem als Bäckersfrau im Gedächtnis geblieben sein. "Ich bin schon so lange hier, mich kennen alle", sagt die aus Utrecht stammende 93-Jährige mit ihrem sympathischen Holland-Akzent, den sie über all die Jahre beibehalten hat, seit sie "nach 1945 hergeheiratet" ist. Bei der Weltmeisterschaft drückt sie sowohl der alten als auch der neuen Heimat die Daumen: "Immer werde ich gefragt, ob ich für Holland oder Deutschland bin. Ich schwanke da, bin für beide, und der Beste soll gewinnen." Ihr Lieblingsspieler trägt Oranje - "dieser kleine Flinke mit der Glatze, der die ganzen Tore schießt" - Arjen Robben.

Wilhelmina Kühne ist die älteste Mieterin in der Senioren-WG und trotz des Rollstuhls und ihrer 93 Lenze eine der vitalsten. Direkt zur Eröffnung am 1. August vorigen Jahres hat sie aus einem Pflegeheim heraus eine der elf Einraumwohnungen bezogen - die größte, die auch Platz für ein Ehebett bietet. "Aber Anfragen von Ehepaaren hatten wir bisher noch nicht", sagt Hausleiterin Franziska Blume.

Selbstbestimmt mit Begleitung

Sie legt Wert auf die Betonung, dass die WG unter ambulanter Betreuung keine Pflegeeinrichtung ist. Darum spreche man auch von Mietern und nicht von Heimbewohnern. "Das ist hier ein separater Bereich, die Mieter sind absolut frei im Wohnen, jeder hat einen Hausschlüssel, die Selbstständigkeit bleibt erhalten. Und wie in einer klassischen Studenten-WG müssen sie sich hier durchaus untereinander und miteinander ergänzen."

Tagsüber gibt es eine personelle Stütze, eine so genannte Alltagsbegleitung. Karina Simon ist bei der "Strukturierung des Tages und verschiedensten persönlichen Angelegenheiten" behilflich, etwa wenn Termine für Friseur, Fußpflege und Physiotherapie anstehen oder wenn es mal wieder am Telefon und Fernseher hakt. Auch animiert die Alltagsbegleiterin zu gemeinsamen Aktivitäten. In der Eilsleber Senioren-WG werde besonders gern zusammen Kuchen gebacken.

"Wir sind ein ganz buntes Völkchen, eine sehr gemischte Damengesellschaft und ein Herr", lacht Lotti Fähse, stolze 92 Jahre alt, am Frühstückstisch beherzt auf. Mit Wilhelmina Kühne verbindet sie eine Freundschaft, die über die WG-Zeit hinaus reicht; auf ihre Empfehlung hin siedelte die Magdeburgerin Anfang des Jahres auch nach Eilsleben über: "Ich bin Silvester schwer gestürzt, konnte meinen Privathaushalt ab da nicht mehr allein bewältigen", erzählt sie, die von jedem einfach nur Lotti genannt werden will. Gern vertieft sie sich in ein Buch, das Regal in der Wohnung ist quer durch die Genres gut gefüllt. Auch Lotti ist gerade im Fußballfieber - und im Gegensatz zur Freundin verfolgt sie auch die nächtlichen WM-Partien.

"Ich hätte gern noch einmal 62 Jahre mit meinem Kurt verlebt."

In der Kommode steht eine kleine Sammlung dekorativer Briefbeschwerer, dazwischen ein Bild von Kurt, Lottis verstorbenem Ehemann. Der Blick auf ihn entlässt noch immer eine tiefe Bedrückung aus dem stets heiteren Herzen Lottis: "Mein Augenstern. Wir waren 62 Jahre verheiratet, ich hätte gern noch mal 62 Jahre mit ihm verlebt." Lottis Lebenserfahrung ist im Hause übrigens sehr gefragt, verrät Franziska Blume: "Es kommt gar nicht so selten vor, dass wir in persönlichen Dingen bei ihr Rat suchen." Seelentherapie in der kleinen Sitzecke - beide Seiten genießen diese vertraulichen Momente.

Der "Intimus" der Mietergruppe indes, wie Lotti sagt, ist der einzige Mann und gleichermaßen "WG-Junior" im zweiten Stock. Mit seinen 45 Jahren drückt Thomas Habekost den Altersschnitt seiner 85- bis 93-jährigen Zimmernachbarinnen etwas nach unten, und er genießt höchste Anerkennung. Lotti meint: "Man kann ihm was anvertrauen, er ist unsere gute Seele und unser Mann für alles." Thomas ist mehr noch als die anderen Frühaufsteher, rollt morgens als Erster in den Gemeinschaftsraum, kocht Kaffee, deckt den Tisch. Liebevoll nennen sie ihn auch den "Briefkastenjungen", weil er für alle die Post holt. Die Damenschar fühlt sich sehr wohl mit ihm, ist froh, dass er da ist. Habekost ist der gewählte Wohnungsvorstand, der die Interessen der WG in der großen Hausrunde vertritt.

Es nimmt nicht wunder, dass, wenn schon die beiden ältesten Frauen gern den Ball rollen sehen, auch der Herr im Hause Fußballfan ist: Das Grün-Weiß von Werder Bremen schmückt seinen Schreibtisch. "Zum Deutschlandspiel am Wochenende bin ich zu Guido nach Wormsdorf gefahren", berichtet Habekost. Gemeint sind DRK-Geschäftsführer Guido Fellgiebel und die DRK-Begegnungsstätte, in der zur WM "Public Viewing" angesagt ist.

Schöner Ausblick: Familie vor Augen

Ein junger blonder Mann, Mitte dreißig, lächelt Wilhelmina Kühne aus Fotorahmen ringsum im Zimmer an. "Er ist mein Liebling, kommt mich oft besuchen." Und er ist der Oma ganz nah: Vom Fenster ihrer Wohnung blickt Wilhelmina Kühne direkt auf das Wagenersche Haus auf der Ecke, wo Enkel Timo zu Hause ist. Die Familie ist in Reichweite, das gibt Kraft. "In dem Pflegeheim, wo ich war, war es auch schön, ich konnte nicht meckern, aber hier habe ich meine Tochter, meinen Schwiegersohn und meinen Enkel gegenüber."

Einst war der Eisschnelllauf, der niederländische Volkssport schlechthin, eine Passion der sportbegeisterten Dame, und jedes Jahr ging es für vier Wochen auf "Heimaturlaub". Von einem Tag auf den anderen, zwei Jahre ist das her, war sie ihrer Beweglichkeit beraubt. Es klemmt an der Wirbelsäule - verengter Spinalkanal. Die Beine funktionieren, doch die Füße lahmen - Wilhelmina Kühne ist auf den Rollstuhl angewiesen. Eine Operation wäre riskant, direkt an der Wirbelsäule sei das ein reines Pokerspiel mit dem hohen Einsatz der vollständigen Mobilität. "Nein, da sind mir die 40 Prozent Beinbewegung, die Arme und vor allem - das ist das Wichtigste - der Kopf mehr wert", versetzt die fröhliche Seniorin und stellt unverdrossen fest: "Für mich ist das hier perfekt - nur mit dem Eislaufen wird das wohl nichts mehr."

   

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