Rathaus, Fleischerei, Marktplatz oder gar einen Blumenstand - mit großen Fotos hat Andreas Kretschmer, Pflegedienstleiter im Oschersleber Kardinal-Jäger-Haus, den Heimbewohnern das Leben "draußen" wieder in ihren Alltag geholt.

Oschersleben l Der Marktplatz ist gut gefüllt. In dem kleinen Eiscafé an der Ecke ist kaum noch ein Plätzchen frei. Schließlich sind die Temperaturen auf dem Thermometer dieser Tage deutlich nach oben geschnellt. Da kommt so ein Eisbecher mit frischen Früchten und einem Schlag Sahne gerade recht. Das finden auch die Bewohner des Kardinal-Jaeger-Hauses. Sie haben auf den gemütlichen Stühlen Platz genommen und werden von Andrea Wenzel bedient. Die ist aber nicht etwa die Eiskäuferin. Andrea Wenzel ist Betreuungshelferin in der Oschersleber Pflegeeinrichtung. Und zum Eisessen müssen die Bewohner nicht extra das Haus verlassen. Den Marktplatz hat Pflegedienstleiter Andreas Kretschmer einfach ins Haus geholt. Obwohl - ganz so einfach war es nun auch wieder nicht.

"Die Idee kommt aus einem Altenpflegeheim in Sondershausen", erzählt er. "Dort waren Flure und Gänge mit großen Fotos versehen, die Türen der Bewohner ganz individuell gestaltet." Die Idee habe ihm gefallen und so hat er vor gut einem Jahr begonnen, die Oschersleber Innenstadt in seine Einrichtung zu holen. Das Rathaus, die Fleischerei, der Marktplatz, ein Blumenstand, sogar das kleine Burglädchen gibt es im Kardinal-Jaeger-Haus. Alles wurde fotografiert und auf große Kunststoffplatten gedruckt. Die wurden an Wänden und Türen montiert und ergeben nun eine wunderschöne Kulisse. "Alles wurde realitätsgetreu nachempfunden. So, dass die Bewohner quasi ständig einen Spaziergang durch die Stadt unternehmen können."

Gemeinsam mit den Mitarbeitern hat Andreas Kretschmer einen Veranstaltungsplan entworfen, der die Fotowände in Szene setzt. Betreuungshelferin Andrea Wenzel begleitet das Projekt und sorgt neben anderen Mitarbeitern dafür, dass die älteren Herrschaften einen abwechslungsreichen Tag erleben. An einem Tag werden Blumen am Stand verkauft, an einem anderen Tag hängen große hausgeschlachtete Würste an den Haken, die aus der Fleischerei ragen. Ab und zu öffnet das Lädchen mit den Blusen und Strickjacken seine Türen. "Dann können sich die Bewohner bedienen, können sich einen Blumenstrauß aus den Töpfen mit aufs Zimmer nehmen, eine neue Bluse von der Kleiderstage anprobieren oder eben einen leckeren Eisbecher auf dem Oschersleber Marktplatz essen", sagt sie.

Neben den Geschäften und Sehenswürdigkeiten, die der Pflegedienstleiter ins Haus geholt hat, gibt es aber auch die individuelle Gestaltung der Türen: "Vorher sah hier jede Tür gleich aus. Dazu dann noch die relativ langen Gänge, da hat sich so mancher Bewohner nur sehr schlecht zurecht gefunden." Nun stehen die vor allem an Demenz erkrankten Bewohner vor ihren eigenen Hausfassaden.

Neben einer schweren Holztür gibt es ein Fenster, an dem die Geranien aus den Blumenkästen ragen. Die Türen zu den Toiletten sind ebenfalls in Holzoptik verziert und haben in der Mitte ein kleines Herz ausgeschnitten. "Der Wiedererkennungswert ist auf jeden Fall größer", verrät Andrea Wenzel.