Er greift jenen unter die Arme, die von anderen als verloren und/oder asozial abgestempelt werden - allen Vorbehalten und Kritikern zum Trotz. Klaus Grundmann war einst selbst so ein "hoffnungsloser Fall" - obdachlos und Starktrinker. Seit 2006 leitet er das Selbsthilfezentrum Lichtblick in Schöningen. Dessen Türen stehen auch Richtung Bördekreis offen.

Schöningen l Die Wende erlebte Klaus Grundmann Ende der Siebziger. "Als ich in der Psychia- trie Eisbein mit einem Löffel essen musste - Messer und Gabel gab es zum Selbstschutz der Patienten nicht -, da war dieser gewisse Punkt erreicht", erzählt er kurz vor seinem 77. Geburtstag. Vor 36 Jahren stand er mit anderthalb Beinen im Grab, hatte so ziemlich alles versoffen, was ihm Halt im Leben gab - Familie, Haus, Beruf - und zog als Obdachloser durch die Berliner Straßen. "Im Suff bin ich dann schwer gestürzt, lag im Koma, wurde am Kopf operiert und war zeitweise gelähmt." Grundmann hatte Glück. Selbst in Berlin habe es damals nur eine Klinik gegeben, die über die nötige Ausrüstung verfügte. Der "Penner" fasste allmählich wieder Fuß - und sollte sich, nach Entgiftung und Langzeittherapie, zum Suchtberater wandeln.

"Ich bin jetzt seit 36 Jahren trockener Alkoholiker. Damals habe ich erkannt, dass ohne Gruppe kaum eine Chance besteht, auf Dauer trocken zu bleiben", berichtet Grundmann von den Anfängen. Er wurde selbst Gruppentherapieleiter, fand mithin auch einen neuen Aufgabenbereich an alter Stelle bei der Berufsfeuerwehr und brachte fortan die eigenen physisch wie psychisch schmerzvollen Erfahrungen in die Arbeit ein. "Blau mit Blaulicht war eine Dokumentation, die für Aufruhr sorgte. Das Thema Alkoholsucht als Krankheit gab es damals ja nicht, es wurde abgewiegelt und totgeschwiegen, man musste gegen viele Widerstände ankämpfen."

Neustart in der Provinz wird zum Lichtblick

Klaus Grundmann hat das zwei Jahrzehnte lang in seiner Heimatstadt getan, dort "viel mit aufgebaut", unter anderem den Arbeitskreis "Alkohol am Arbeitsplatz", der noch lange nach ihm tätig war. 2001 zog es ihn mit seiner neuen Familie in die Provinz: Twieflingen bei Schöningen im Landkreis Helmstedt. "Nach ein paar Monaten zu Hause hatte ich meine Frau genug genervt", sagt er mit "Berliner Schnauze", "da hat sie gesagt, ich solle bloß wieder was machen." Grundmann machte. Er gründete abermals eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker. Mittlerweile ist daraus eine Kooperation mit der Schöninger Christuskirche gewachsen und im April 2006 schließlich der Selbsthilfeverein "Lichtblick" nebst Begegnungsstätte in einer Eckwohnung der Elmstadt entstanden, die Sozial- und Lebenshilfe sowie Beratung in mehreren Bereichen leistet.

Die Widerstände waren (und sind es teils noch) dieselben wie einst in Berlin. "So ein Hilfsangebot gab es hier vorher nicht, denn es gab ja offiziell auch keine Suchtkranken", weiß Grundmann um seinen schwierigen Standpunkt in der Gesellschaft. Er lebt damit. Unbeirrt. Wichtig sei allein, so eine Ankerstelle zu schaffen. Wer den Anker ergreifen will, soll ihn auch packen können. Grundmann pflegt dazu eine simple Einstellung: "Für mich ist Mensch Mensch, ich mache da keine Unterschiede, lege nur größten Wert auf Ehrlichkeit."

Nach nun fast acht Jahren sei der Lichtblick etabliert, wenn auch nach wie vor unter manch schiefem Blick. "Inzwischen hat das Hand und Fuß, die Vorbehalte sind weniger geworden", sagt Grundmann. Mehrere erfolgreiche Aktionswochen sowie stete Aufklärungs-, Präventions- und Beratungsarbeit hätten dazu beigetragen. Sogar Schauspieler Jaecki Schwarz ("Polizeiruf 110"), ebenso bekennender trockener Alkoholsüchtiger, war auf Einladung des Vereins schon zu Gast zu einem öffentlichen Gesprächsabend. "Da haben die Kritiker nicht schlecht gestaunt."

In jüngster Zeit sei Grundmann immer wieder darauf angesprochen worden, dass sich die Beratungsstelle aufgrund der räumlichen Nähe auch in Richtung Osten bekannt- machen sollte: "Gerade für die Orte entlang der Kreisgrenze von Hötensleben nach Sommersdorf, Wefensleben und Harbke ist Schöningen doch eine nahe gelegene Anlaufstelle - und Hilfsbedürftige gibt es überall. Wir sind hier, unsere Tür und unser Ohr steht offen."