Oschersleben ist älter als bisher angenommen. Das zumindest wird über die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia behauptet. Demnach ist die Stadt bereits im Jahr 814 erstmals erwähnt worden, also 180 Jahre früher als bisher angenommen. Der Stadtarchivar Mathias Schulte geht der Sache auf den Grund.

Oschersleben l "Bei Wikipedia wird festgehalten, dass Oschersleben im Stiftungsbrief des Kaisers Ludwig des Frommen aus dem Jahr 814 für das Hochstift Halberstadt Erwähnung fand", erzählt Stadtarchivar Mathias Schulte und ergänzt: "Auf den ersten Blick ist diese These reizvoll, würde unsere Stadt offiziell 180 Jahre älter sein." Immerhin sei festzustellen, dass der Stiftungsbrief tatsächlich überliefert ist. Es treffe weiterhin zu, dass, wie bei Wikipedia beschrieben, die Grenzen wie die des Bistums Halberstadt in diesem Dokument präzise erwähnt werden. "Doch zu präzise", meint der Stadtarchivar. "Denn der Stiftungsbrief ist karolingischen Ursprungs. In dieser Zeit war es absolut unüblich, so umfassende Angaben zur Begrenzung von Bistümern zu machen", ist sich Schulte sicher. Denn es gebe keinen vergleichbaren Fall aus dieser Zeit, bei dem das so gewesen wäre. So dränge sich der Wissenschaft der Schluss auf, dass die Textstelle nachträglich in das Dokument eingefügt, also schlichtweg gefälscht worden ist. "Alle Teile der Briefes sind stilistisch eindeutig karolingisch, nur eben die Ortsangaben nicht", betont Mathias Schulte und beruft sich auf wissenschaftliche Werke wie das "Zur Aussagekraft von Bistumschroniken und Bischofskatalogen des Bistums Halberstadt im Hochmittelalter" von Uwe Grieme aus Göttingen, das diese Thesen belegt.

Doch warum ist der Stiftungsbrief gefälscht worden? "Hier müssen wir uns zunächst einmal anschauen, wem es damals genützt haben könnte", erklärt Schulte. So sage die Chronik Steyers über "Die Merkwürdigkeiten der Stadt Oschersleben" aus dem Jahre 1784 aus, dass Oschersleben mitten im Bistum Halberstadt gelegen sei. Erst mit der Gründung des Erzbistums Magdeburg Mitte des zehnten Jahrhunderts sei Oschersleben an die Grenze beider Bistümer gerückt. Schermcke, Ampfurth und Peseckendorf haben bereits zu Magdeburg gehört. "Es wird rasch ersichtlich, dass es um die Wahrung von Besitztümern ging", betont der Archivar.

Denn zur Gründung des Magdeburger Erzbistums sowie des Bistums Merseburg durch Otto den Großen habe dieser auch Gebiete des Bistums Halberstadt an die Neugründungen verschenkt. "Doch diese Verluste hatte der Halberstädter Bischof Bernhard von Hadmersleben zu vermeiden gewusst. Bernhard hatte Otto die kirchenrechtliche Zustimmung verweigert, so dass Otto die Errichtung der beiden neuen Bistümer bis zum Tod des Halberstädters wie übrigens auch des Mainzer Bischofs hinauszögern musste", weiß der studierte Politologe.

Die Schmälerung des Bistums Halberstadt um erhebliche Gebiete war damit besiegelt. "Um den Schaden jedoch einzugrenzen, sind die Stiftungsbriefe Ludwigs des Frommen sozusagen korrigiert worden. Damit wurden ganz wesentliche Punkte erreicht: Wegen der Beteiligung der beiden bedeutenden Kaiser Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen konnte das Halberstädter Bistum eine langjährige sowie eine enge Bindung an das karolingische Herrscherhaus und das Reich beanspruchen und damit noch größere Verluste vermeiden", erklärt der Fachmann.

Resümierend betont Mathias Schulte: "Es bleibt dabei: Die urkundliche Ersterwähnung Oscherslebens fand am 23. November 994 in der bekannten Urkunde Ottos III. zur Verleihung des Marktrechtes an Quedlinburg statt." Gleichwohl sei die Siedlung natürlich wesentlich älter. Archäologische Funde auf der Kernburg und auch in der Halberstädter Straße würden das belegen. Diese blieben jedoch für die erste nachgewiesene schriftliche Erwähnung unerheblich. "Die 1000-Jahr-Feier im Jahr 1994 hat zurecht stattgefunden - Oschersleben ist 1020 Jahre alt", so der Stadtarchivar.

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