Oscherslebens Rathaus erlebte am Dienstagabend einen vollen Saal. Rund 150 Einwohner waren der Einladung der kommunalen Wohnungsverwaltungsgesellschaft Bewos gefolgt, um Vorträge von Fachleuten zum historischen Bahnhof zu verfolgen.

Oschersleben (spt) l Anwesend waren neben Oscherslebens Bürgermeister Dieter Klenke (parteilos) der Bewos-Geschäftsführer Thomas Harbort, Erhard Horn vom Eisenbahnmuseum Hadmersleben sowie der Fachautor Dirk Endisch.

Den Anfang der Vortragsreihe machte Günther Blume. Im historischen Kontext der Stadtentwicklung berichtete der Historiker über die Entstehung und den Werdegang des Bahnhofs. Dabei spannte er einen zeitlichen Bogen von den ersten Ideen zum Bau eines Bahnhofs aus dem Jahr 1838 bis zu den Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Zwei Türme für zwei Bahnlinien

So sei neben der zunächst konzipierten Bahnlinie von Magdeburg nach Halberstadt über Oschersleben eine weitere Linie von Oschersleben nach Braunschweig über Wolfenbüttel geplant und gebaut worden. Die beiden Türme auf dem alten Oschersleber Bahnhof erinnern an die zwei Linien, "deren Differenzierung sich auch im Innern des Bahnhofs mit getrennten Fahrkartenschaltern fortsetzten", sagte Blume. Im Unterschied zur heutigen Lage mitten im Stadtzentrum habe der Bahnhof zur Zeit seiner Entstehung Mitte des Jahres 1843 außerhalb der Stadt existiert. So mussten damals bereits Flächen von Oschersleber Bürgern enteignet werden, um für die Bahnlinien und für die Wege zum Bahnhof Baurecht zu schaffen.

Der Bahnhof und der Bahnverkehr brachte der Stadt einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung verbunden mit einer Bevölkerungsentwicklung. So gab es in Oschersleben im Baujahr des Bahnhofs 3745 Einwohner, im Jahr 1864 bereits 7059 und zur Jahrhundertwende um 1900 stattliche 13405 Einwohner. Blume: "Gleichzeitig stieg im 19. Jahrhundert die Anzahl der Geschäfte und Gewerbetreibenden." Waren es um 1800 beispielsweise vier Gaststätten, stieg deren Anzahl bis 1900 auf 42. Das Publikum folgte aufmerksam dem Vortrag des Historikers, der mit seinen Ausführungen auch auf sein kommendes Buch über Oschersleben verwies, in dem sich viele interessante Details nachlesen lassen würden.

Neben den historischen Hintergründen brachte Günther Blume zum Ausdruck, dass er von einem Fortbestehen des Bahnhofs als Gebäude ausgeht. Es benötige neue und zeitgemäße Funktionen, um den Erhalt des Hauses nachhaltig zu sichern. Er selbst schlug einen gesellschaftlichen Rahmen für die Bürger der Stadt und der Ortsteile vor, die die verkehrsgünstige Lage des Gebäudes nutzen könnten.

Auf diese Situation ging anschließend Thomas Harborth ein. Der Geschäftsführer der Bewos erläuterte einen anderen Ansatz, stehe für ihn doch weniger die Geschichte, sondern mehr die Zukunft im Mittelpunkt der Bemühungen um den Erhalt der historischen Bausubstanz. Aus dem Stadtplan von Oschersleben ist nach seiner Meinung sehr gut ableitbar, welche Vorteile das Gebäude und die Flächen für die städtische Entwicklung besitzt. "Dies hat bereits der Stadtrat im Jahr 2012 erkannt, als die gesamte Fläche zum Stadtumbaugebiet gewidmet wurde und das damit die einmalige Chance hat, einen beträchtlichen Fördermittelbetrag von Bund und Land zu akquirieren", betonte Harborth.

Bahnhof wurde bis 1843 im klassizistischen Stil erbaut

Das Gelände liege verkehrstechnisch äußerst günstig und sei mit dem Auto wie auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut erreichbar. Thomas Harborth verwies auch auf die ersten Arbeiten von angehenden Ingenieuren der Hochschule Magdeburg-Stendal, die neben der Bestands- und Schadensaufnahme auch neue Funktionen in das Bahnhofsgebäude und die Bahnflächen einplanten: "Die genauen Aufmaße der Studenten haben ergeben, dass im Außenbereich etwa 10000 Quadratmeter und im Bahnhof je Geschoss rund 750 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung stehen, um sie mit neuen Funktionen zu füllen."

Bürgermeister Dieter Klenke bedankte sich nach der über zweistündigen Veranstaltung bei Günther Blume sowie Thomas Harborth und gab dem Publikum mit auf den Weg, dass er sich auf die weiteren Ideen von Oscherslebern über die Nutzung des Bahnhofs freuen würde und gespannt sei.

Der Oschersleber Bahnhof ist eines der ältesten noch bestehenden Bahnhofsgebäude Deutschlands. Die Braunschweigische Staatsbahn sowie die Magdeburg-Halberstädter Eisenbahn-Gesellschaft hatten den Doppelbahnhof bis zum Jahr 1843 im klassizistischen Stil erbaut.

   

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