Allein der Gedanke war nervenzermahlend, aber sie haben es getan: Thomas und Petra Sixtus flüchten vor 25 Jahren in den Westen. Wegen der Freiheit und der Möglichkeiten. Die gebürtigen Magdeburger und jetzigen Hannoveraner erinnern sich.

Magdeburg/Hannover l Wie schmeckt Freiheit? "Süß! Der süße Geschmack von Freiheit, verpackt in Schokolade und Nüssen", sagt Thomas Sixtus. Dabei schaut er gedankenverloren in den Raum und lächelt. Er erinnert sich, wie er vor 25 Jahren die Grenze passierte und die Freiheit schmeckte.

Er war ein junger Zahnarzt in der DDR. In Halle studiert, dann in Magdeburg in der Poliklinik gearbeitet. "Eigentlich hatten wir alles, was wir wollten, an Flucht haben wir nie gedacht", sagt er und schaut seine Frau Petra an, die zustimmend nickt. Auch sie hatte studiert - Deutsch/Sport auf Lehramt - da haben sie sich kennengelernt. Sie heirateten, hatten zwei kleine Kinder, eine Neubauwohnung in Magdeburg Olvenstedt und waren dabei, sich ein Haus zu bauen. Freunde und Familie waren in der gleichen Stadt, Thomas` Vater hatte sehr gute Kontakte, so dass sie an fast alles kamen, was sie brauchten oder wollten. Auch Westverwandtschaft gab es, die regelmäßig Päckchen schickte. "Die so gut rochen." - Eigentlich ging es ihnen sehr gut in der DDR.

Und doch entschlossen sie sich, nicht in der DDR zu bleiben. An dieser Stelle beginnt zumeist eine Fluchtgeschichte mit irrsinnigen Ideen wie selbst gebauten Heißluftballons, U-Boot-Bau oder kreativen Verstecken in Fahrzeugen, die immer und immer wieder erzählt werden.

Die Wände haben Ohren - Reden nur im Trabi

Familie Sixtus aber stieg irgendwann in ihr Auto und fuhr nach Ungarn.

Was sich so einfach anhört, war alles andere als das. "Wenn man beginnt, über so etwas nachzudenken, dann denkt man, die Wände haben Ohren. Und jeder ist verdächtig, dich auszuhorchen", sagt Thomas Sixtus ernst. Einige ihrer Freunde waren bereits geflüchtet, meldeten sich auch telefonisch bei ihnen, fragten, wann sie endlich kommen würden und vor allem schwärmten sie von der Freiheit, die sie fühlten.

Und irgendwann war er dann da - DER Gedanke.

"Das erste Mal sprachen wir darüber im Auto und ab da, immer nur im Auto", erzählt Thomas. Immer die Angst im Hinterkopf, belauscht und verraten zu werden. "Wollen wir auch?", fragte Thomas Petra. Auch wenn die Angst tief in ihr saß - zu flüchten mit zwei Kindern - gab es nur eine Antwort: "Wenn du gehst, komme ich mit. Ich stehe hinter dir."

Plötzlich gingen die Gedanken der beiden in den Westen, weit über die Grenzen der DDR hinaus. "Die Grenze war in Helmstedt - da hat die Welt bis dahin immer aufgehört gehabt, auch gedanklich", sagt Thomas. Erst da wurde ihnen wirklich bewusst, wie eng die Grenzen waren, wie wenig Freiheit sie hatten.

In der Poliklinik, in der Thomas arbeitete, ging es zunehmend rauf und runter. Stressige Dienste standen an der Tagesordnung. "Ich kriegte immer mehr Frust", erzählt Thomas.

In einem Körbchen trug sie Sachen aus der Wohnung

Je länger sie darüber nachdachten, je mehr Zeit verstrich, desto sicherer und fester wurde ihr Entschluss.

Trotzdem zögerten sie noch ein wenig. Der Gedanke, Familie und Eltern zurückzulassen, sie vielleicht nie wieder zu sehen und ihnen damit noch Schwierigkeiten zu bereiten, nagte an den beiden. Mit niemanden diese Sorgen teilen zu können, machte es noch schwieriger. Zahlreiche Gespräche im kleinen Trabant folgten.

Doch dann war der Entschluss gefasst. Thomas` Vater Horst wurde ins Vertrauen gezogen, denn ihre Antiquitäten und ihre wichtigen und schönen Besitztümer, die auf einer Flucht aber keinen Platz hätten, wollten sie aus ihrer Wohnung schaffen. "Jeden Tag bin ich mit zwei Körbchen, die vollgepackt waren, zu Horst gefahren", erinnert sich Petra, wie sie allmählich ihre Wohnung ausräumte, ohne Verdacht dabei zu erwecken.

Während Thomas\' Vater mit im Bilde war, hatten sie sich entschieden, Petras Vater vorerst nichts zu sagen. Er hatte nach dem Tod von Petras Mutter eine neue Frau geheiratet, der Thomas und Petra noch nicht in dem Maße vertrauten. "Das ist das Schlimmste, was ich je getan habe", sagt Petra mit glasigen Augen heute.

Unter Tränen erzählt sie es ihrem Vater

Erst einen Tag bevor das Visum, das sie für ihren Ungarnurlaub vorwandsweise beantragt hatten, gültig war, suchte Petras Vater das Gespräch mit seiner Tochter. Die Umstände und die Rumwirtschafterei waren ihm aufgefallen. "Was ist los?" Unter Tränen erzählte ihm dann Petra doch von dem Vorhaben.

Dann ging es los. Mit dem Visum für einen Ungarnurlaub in der Tasche, machten sie sich mit ein paar Koffern, 230 Mark und den beiden Kindern in ihrem Trabbi auf die Reise. Thomas` Universitätsabschluss hatten sie über Bekannte bereits in den Westen schmuggeln lassen.

Es ist September 1989, als die grüne Grenze nach Österreich schon einmal geöffnet wurde, als die Familie sich auf den Weg machte. "Für mich stand fest, wenn die Grenze einmal geöffnet wurde, würde es wieder passieren", meint Thomas im Nachhinein.

Ihre Route führte sie über Zinnwald in die CSSR. "Wir waren ganz allein am Grenzübergang. Unser Puls schoss hoch. Es wusste niemand, was passieren würde. Es waren ja unstete Zeiten", erinnert sich Petra.

Über die Grenze nach Ungarn - jetzt gibt es kein Zurück

Aber es passierte nichts. Ohne Kontrolle passierten sie die Grenze. "Da war für uns die Entscheidung gefallen. Jetzt gab es kein Zurück mehr", sagt Thomas. Dann steuerten sie direkt auf den Balaton zu, zu ihrer Unterkunft bei dem Ungarn Tibor.

Mittlerweile war ein Schuss an der grünen Grenze gefallen.

Thomas und Petra machten sich auf die Suche nach der Botschaft der BRD. "Meldet euch bei der Kirche Zügliek", wurden ihnen gesagt.

Die kleine Kirche, von einem Zaun umgeben, war zu einer Botschaft der Bundesrepublik umfunktioniert worden. "Gleichzeitig war es eine Art Flüchtlingslager. Zelte standen da, viele Trabbis waren zu sehen und unzählige Menschen", erinnert sich Thomas.

Sie stellten sich an der Menschenschlange an, um einen provisorischen Reisepass zu erhalten. Auf dem Kirchengelände blieben sie nicht über Nacht. "Wir kamen jeden Morgen, blieben den ganzen Tag. Jeden Abend gab es eine Pressekonferenz. Auf die waren immer alle gespannt. Da war es immer voll", erinnert sich Petra.

Die Anspannung der Menschen war zu spüren

"Es scheint was zu passieren" sickerte eines Tages durch. "An dem Abend waren alle da!" Zur "heute journal-Zeit" drängten sich die Leute an der Kirche. Jeder wollte der erste sein, der die vermeintliche Neuigkeit hört. Die Anspannung der Menschen war zu spüren. Dann die befreiende Nachricht: "Ab heute 24 Uhr ist die Ausreise über Österreich genehmigt und wird vollzogen."

"Da sind die ersten schon völlig ausgerastet. Stürmten zu ihren Trabis. Die haben sich fast gegenseitig über den Haufen gefahren", erzählen Thomas und Petra durcheinander.

Die Entscheidung war gefallen

Sie selbst aber blieben erst einmal ruhig. Sie kehrten freudig, aber dem Schein noch nicht ganz glaubend, in ihre Unterkunft zurück. "Wir wollten erst einmal drüber schlafen", sagt Thomas.

Doch die Entscheidung war natürlich gefallen. Am nächsten Morgen packten sie ihre Koffer, stiegen in den Trabbi mit ihren Kindern und fuhren auf die Autobahn Richtung Österreich. Doch außer ihnen war niemand auf der Autobahn und schon gar keine anderen Ost-Fahrzeuge. "Das hat uns unsicher und misstrauisch gemacht", gesteht Petra. Doch dann waren die ersten Trabbis kurz vor dem Grenzübergang zu sehen.

Aufatmen. Und dann ging alles ganz schnell und problemlos. Über die Grenze, rein nach Österreich, bis zur Nibelungenhalle in Passau. Und da waren dann die Menschenmassen, die man aus dem Fernsehen kennt. Menschen über Menschen, die die Flüchtlinge begrüßten. Geld und Bananen wurden durch die Fenster gestopft. "Es war die pure Euphorie. So viel, dass man sich schon etwas bedrängt fühlte."

Das Abenteuer Westen beginnt für die Familie

Das Massengefühl hielt an. In der Halle waren etwa 2000 Betten aufgebaut, die bis auf das letzte am Abend belegt waren. "Am nächsten Morgen machten sich Thomas, Petra und ihre Kinder Carolin und Sebastian auf, mit dem Ziel Hannover, wo sie Verwandtschaft hatten.

Doch bevor das Abenteuer "Westen" für die vierköpfige Familie begann, hielten sie gleich nach der Grenzüberquerung im ersten österreichischen Dorf. "Das sah alles so schön aus. Irgendwie unwirklich, wie die kleinen Dörfer auf den Platten von Spielzeugeisenbahnen", beschreibt Thomas die ersten Eindrücke.

Zielsicher ging er in den ersten Supermarkt. Vor wenigen Jahren hatte er mit einem West-Paket einen Schokoriegel zugeschickt bekommen und jetzt konnte er ihn einfach so selbst aus dem Regal nehmen und kaufen. Ein "Nuts", ein Riegel aus Nüssen und Schokolade.

   

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