Die letzte Strophe ist verklungen. Abgesang nach durchaus stolzen 130 Jahren. Der bis dato älteste Verein Drackenstedts hat sich aufgelöst. Dem Männerchor "Eintracht" bleibt die stille Stimme der Erinnerung.

Drackenstedt l "Es sind jetzt alle Formalitäten durch - schade drum, aber man kann es nicht ändern", sagt Michael Felsmann (72) und fasst in Worte, was sich in den vergangenen vier, fünf Jahren bereits abgezeichnet hat: "Mit Ende des Jahres 2014 wurde der Chor als eingetragener Verein beim Amtsgericht Stendal abgemeldet, jetzt ist das Ende des ältesten Vereins in Drackenstedt besiegelt, er existiert nicht mehr." Felsmann geht als letzter Vorsitzender in die Annalen ein, der Druxberger hatte sein Amt zwar schon 2012 niedergelegt und seinen Austritt erklärt, sich aber weiterhin um die nötigen Funktionärsdinge gekümmert. Die letzte reguläre Hauptversammlung liegt zwei Jahre zurück.

Nach einer Jubiläumsfeier im 130. Jahr des Chorbestehens war niemandem mehr zumute. Wie auch? Am Ende der aktiven Zeit war man nur noch zu viert. Die Verbliebenen haben sich noch wacker darum bemüht, die Eintracht-Tradition im Dorf am Leben zu halten - doch letztlich vergeblich. "Wir mussten noch einen schweren und sehr bedauerlichen Schicksalsschlag eines Mitglieds verkraften, dann ist noch einer weggezogen, und damit hatte es sich endgültig erledigt", erklärt Felsmann. "Aber wir müssen uns nichts vormachen, es wäre so oder so nichts mehr geworden. Die meisten von uns waren längst in die Jahre gekommen und jenseits der 70, jüngere Mitglieder, die die Vereinfahne weiter hätten hochhalten können, waren absolut nicht in Sicht."

Felsmann selbst bleibt die zwanglose Musik mit der "Olsenbande" in Altenweddingen, wo er unter der Leitung von Achim Heise noch ins Saxofon bläst. Mit dem Drackenstedter Männerchor indes hat er abgeschlossen, eben weil es seit dem großen Umbruch in den Jahren 2010/11 ein längerer Abschied auf Raten war. "Im Nachhinein", blickt er zurück, "stand die Zeit unter der Leitung von Albert Konrad unter keinem guten Stern." Viele Mitglieder seien damals nicht einverstanden gewesen mit der Neuausrichtung des Musikpädagogen aus Haldensleben, der auf stetes Stimmtraining setzte und das alte Liedgut über Bord warf. Das Fernbleiben von den Proben oder gar Vereinsaustritte waren die Folge.

Chemie zwischen Chor und Leiter stimmte nicht mehr

"Es gab plötzlich penible Regeln, und es wurde zum Missfallen der Mitglieder mit Traditionen gebrochen, was unseren Abgesang sicherlich noch beschleunigt hat", hat Felsmann Verständnis für die Reaktionen damals. Als einer der wenigen ging er den neuen Weg noch eine Weile mit, gibt allerdings auch zu: "Die Chemie zwischen Chorleiter und Chor hat nicht gestimmt. Albert Konrad ist ein leidenschaftlicher Musiker mit gewöhnungsbedürftiger Art, die wohl einfach nicht zum Wesen unseres Chors gepasst hat." Dennoch spricht Felsmann ihm Dank für seine "unbestreitbaren Mühen" aus.

Sowieso wird kein Groll gehegt, sondern allenfalls großes Bedauern: "Es ist ja niemand schuld daran, dass der Chor nun nicht mehr überdauern kann, sondern es kamen über die Zeit einfach viele ungünstige Faktoren zusammen."

Auf jeden Fall bleiben lebhafte Erinnerungen auch für folgende Generationen. Das Vereinswesen mit seinen Höhen und Tiefen, oft auch und nicht immer zum Besten tangiert oder beeinflusst von der jeweiligen politischen Lage im Land, kann über ein Dutzend Dekaden nachverfolgt werden. Von zweifelhaften Zwangsmaßnahmen durch das Nazi-Regime wird ebenso berichtet wie von horrend sprudelnden, jedoch wertlosen Einnahmen über 175000 Mark zu Zeiten der Inflationsexplosion; oder von der "neuen Existenzbedrohung" durch den Rat des Kreises Anfang der 1950er Jahre. Doch auch - und vor allem - die schönen Überlieferungen sind vorhanden: die Sängerfeste, zahllose musikalisch begleitete Veranstaltungen, die Partnerschaft mit dem Seehäuser Männerchor oder die Patenschaft des Ziegelwerks Wefensleben um den höchst engagierten Betriebsleiter Georg Hartwig aus Dreileben und dem überaus aktiven Sänger Albert Duckstein.

"Für unsere letzte Sängergeneration bleibt das Wirken von Chorleiter Lothar Jopp in besonderer Erinnerung", betont Michael Felsmann. Er prägte die Sangesgemeinschaft für vier Jahrzehnte (1960 bis 2000). In Jopps Ära fallen unter anderem die DDR-Auszeichnung "Hervorragendes Volkskunstkollektiv" (1984) und die Verleihung der Zelter-Plakette durch Bundespräsident Roman Herzog (1995). Lothar Jopp selbst kam die Ehre zuteil, als erster Dirigent Sachsen-Anhalts vom Deutschen Sängerbund zum "Ehrenchorleiter des Landes" ernannt zu werden (1994).

"Lothar Jopp war außerdem Initiator der Chorfreundschaft mit dem niedersächsischen Männergesangverein Hoiersdorf und blieb uns als Sänger noch bis zu seinem Ableben im März 2007 erhalten", so Felsmann und blättert nachdenklich in der Festschrift vom Vereinjubiläum 1994. "110 Jahre ist der Chor alt", schreibt darin der damalige Vorsitzende Rolf Dorendorf, "aber trotz aller Höhen und Tiefen jung und dynamisch. Alle Mitglieder hoffen, dass der Chor weitere 110 Jahre überlebt, dass auch die Jugend Drackenstedts und der Nachbarorte mehr zum Chor findet, damit hier noch lange der Männergesang erklingt."

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